Portraits

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Hier sind die Portraits ausgewählter Feministinnen nachzulesen, über die wir in den Kalendern geschrieben haben.

2014

Clara Zetkinclara-Zetkin

Clara Zetkin. Eine Frau, die man mit großen und wichtigen Begriffen wie Politikerin, Friedensaktivistin, Frauenrechtlerin, Publizistin und leidenschaftliche Rednerin beschreiben kann, die ein halbes Jahrhundert lang die deutsche wie die internationale proletarische Frauenbewegung mitprägte.

Clara Zetkin wird am 5. Juli 1857 als Clara Eißner geboren und wächst mit ihrer Familie im Erzgebirge auf. Im Alter von siebzehn Jahren besucht sie ein Lehrerinnenseminar in Leipzig, das von der Frauenrechtlerin Auguste Schmidt geleitet wird. In den nächsten Jahren fängt sie an, Kontakte zur Sozialdemokratie zu knüpfen. Sie nimmt an Diskutiernachmittagen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins teil und lernt den russischen Revolutionär Ossip Zetkin kennen, der später ihr Lebenspartner wird. 1878 tritt Clara Zetkin der Sozialistischen Arbeiterpartei bei, was dazu führt, dass ihre Familie den Kontakt mit ihr abbricht. Sie arbeitet in Sachsen und Österreich als Erzieherin, bis sie im November 1882 nach Paris geht, wo sie mit Ossip Zetkin zusammenlebt. Obwohl den beiden die Papiere zum Heiraten fehlen, nimmt sie seinen Namen an und behält ihn, auch als Ossip sieben Jahre später nach langer Krankheit stirbt. Sie bereitet den Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris mit vor und referiert über die proletarische Frauenbewegung. Sie fordert die vollständige berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau. Mit vierunddreißig zieht Clara Zetkin zurück nach Deutschland, Stuttgart, wo sie die sozialdemokratische Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ gründet und leitet.Sie heiratet ein zweites mal, diesmal einen Maler. 1907 wird sie zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. Auf der zweiten Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen, 1910 in Kopenhagen, schlägt Clara Zetkin zusammen mit Käte Duncker die Einführung eines internationalen Frauentages vor. Inspiriert von US-amerikanischen Feministinnen, einen Kampftag für das Frauenstimmrecht einzuführen, beschließen die Frauen einen jährlichen Frauentag, der zunächst das Frauenwahlrecht einfordert. Wegen ihrer Antikriegshaltung wird Clara Zetkin während des ersten Weltkrieges mehrfach inhaftiert. 1916 ist sie an der Gründung des Spartakusbunds beteiligt. Zwei Jahre später schließt sie sich der neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschland an und beeinflusst deren Politik maßgeblich. Von 1920-1933 ist sie Mitglied des Reichstags für die KPD. Als erste Abgeordnete hält sie eine Rede, die Solidarität mit der Sowjetunion fordert. Auf ihrer ersten Reise dorthin schließt sie Freundschaft mit Wladimir I. Lenin. Da sie schon immer mit ihrer Gesundheit zu kämpfen hat, lebt sie nun abwechselnd in der Sowjetunion und in Deutschland und lässt sich in verschiedenen Sanatorien behandeln. Bis zu ihrem Tod hört sie nicht auf, gegen Faschismus, Kapitalismus und für die Rechte der Frau zu kämpfen. Clara Zetkin stirbt 1933 im Alter von sechsundsiebzig Jahren. Ihre Urne wird an der Kremlmauer in Moskau beigesetzt.

„Berufstätige Frauen, seid eingedenk, dass der Faschismus Euch die im heißen Kampf errungenen Rechte nimmt und Euch Selbständigkeit und Arbeit versagt.“.

Marthe

 

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Alice Schwarzer

Alice_Schwarzer

„Wir sind die beiden meistbeschimpften Frauen Deutschlands“, sagte Romy Schneider, eine der Frauen, die mich persönlich schon immer sehr inspiriert hat, einmal zu Alice Schwarzer. Dies war ein Jahr nach dem berühmten TV- Duell mit Esther Vilar, das Alice Schwarzer sehr bekannt gemacht hat. Als ich es das erste Mal ganz unvoreingenommen gesehen habe, war ich nur beeindruckt von dieser Frau, ihrer Ausdrucksweise, wie sie selbstbewusst und voller Enthusiasmus dort saß, sehr jung und hübsch obendrein. Ich war mir sicher, dass diese Frau alle Frauen dieser Welt stolz machen würde, denn ich spürte förmlich diese geladene Energie, die später eine Revolution auslösen würde. Umso eindrucksvoller wurde für mich deutlicher und deutlicher, was man systematisch aus ihr gemacht hat, wie man ihr dieses „Hexen-Image“ anhing. Nachdem ich mich länger mit ihr beschäftigt habe, habe ich erkannt, wie man ihr als Vorkämpferin von Millionen von Frauen versucht hat durch Einschüchterung und Beschimpfungen öffentlich den Mund zu verschließen. Das hat sie sichtlich verändert, aber aufgegeben hat sie nie. Und doch gehört es zum ersten Schritt vieler junger Feministinnen, sich von ihr abzugrenzen.

Geboren in Wuppertal-Elberfeld beginnt ihre eigentliche Geschichte 1963 in Paris. Nachdem sie dort ihr Sprachstudium absolvierte, sammelte sie ihre ersten Erfahrungen als Reporterin bei der Zeitschrift Pardon und arbeitete dann in Paris als freie politische Korrespondentin für Radio, Fernsehen und Zeitschriften. Außerdem studierte sie von 1970 bis 1974 Psychologie und Soziologie. 1970 freundete sie sich mit Simone de Beauvoir an, die für sie ein großes Vorbild war, und gehörte zu den Initiatorinnen des Pariser Mouvement pour la libération des femmes (MLF), eine der ersten feministischen Gruppen der französischen Frauenbewegung.

Im Januar 1977 erschien die erste Ausgabe der von ihr gegründeten Zeitschrift Emma, deren Verlegerin und Chefredakteurin sie seither ist. Schwarzer schrieb vermehrt Bücher, politische Essays und Biografien (z.B. über Marion Dönhoff und Romy Schneider). Bis 2010 veröffentlichte sie 25 Bücher als Autorin und 17 als Herausgeberin.

Unter dem Slogan „Mein Bauch gehört mir“ forderte sie auf spektakuläre Weise die Legalisierung der Abtreibung und leitete eine öffentliche Diskussion ein. Schwarzer exportierte diese Aktion unter dem Motto Frauen gegen den §218 nach Deutschland. Insbesondere thematisierte sie und andere die Demütigung und Entmündigung sowie die gesundheitliche Gefahren für Frauen, die verbotene Schwangerschaftsabbrüche vornehmen ließen. Höhepunkt war die Titelgeschichte der Zeitschrift Stern am 6. Juni 1971, in der 374 Frauen öffentlich bekannten: Wir haben abgetrieben! Im Herbst desselben Jahres erschien Schwarzers erstes Buch Frauen gegen den § 218. Das wir heute die Möglichkeit eines straffreien Schwangerschaftsabbruchs haben, verdanken wir in weiten Teilen ihrem Mut und ihrer nie nachlassenden Kampfbereitschaft.

In ihrem Buch Frauenarbeit – Frauenbefreiung (1973), in dem sie mehrere Frauen interviewte, kam Schwarzer zu dem Ergebnis, dass der Schlüssel zur Gleichberechtigung von Frau und Mann außerhäusliche Berufstätigkeit sei. Der Kampf für Gleichberechtigung müsse vor allem auch auf individueller Ebene ablaufen, Frauen müssten selbst für die Verteilung sämtlicher die Familie betreffenden Aufgaben zwischen den Partnern kämpfen. Doch auch gesamtgesellschaftlich müsste es konkrete Hilfe für Frauen bei Erziehungs- und Hausarbeit geben um so eine tief greifende Veränderung der sozialen Ordnung durchzusetzen. Ein erfolgreicher Kampf – auch wenn er noch nicht zu Ende ist.

In dieser Auseinandersetzung hob Alice Schwarzer nachdrücklich hervor, dass das Ziel des feministischen Kampfes keineswegs eine Angleichung an die männliche Lebensform sei, sondern dass es dabei um die „Vermenschlichung der Geschlechter“ ginge.

Eines der zentralen Themen von Schwarzer ist seit 1975 die Sexualität, die „zugleich Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen“ sei. In ihrem Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen analysierte sie die Sexualität als „Angelpunkt der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und der Unterdrückung der Frauen“. „Hier liegen Unterwerfung, Schuldbewusstsein und Männerfixierung von Frauen verankert. Hier steht das Fundament der männlichen Macht und der weiblichen Ohnmacht.“, sagt sie. Sie plädierte für eine freie Sexualität und die ökonomische Unabhängigkeit für Frauen.

Daraufhin beschäftigte sie sich explizit mit dem Verbot von Pornografie. Eine erste Aktion gegen Pornografie initiierte Schwarzer zusammen mit neun weiteren Frauen mit ihrer „Sexismus-Klage“ 1978 gegen den die sexistischen und frauenfeindlichen Titelbilder des Sterns. Der medienwirksame Prozess wurde verloren. Die 1987 ins Leben gerufene PorNO-Kampagne wendet sich gegen solche pornografische Darstellungen, in denen „verharmlosende oder verherrlichende, deutlich erniedrigende sexuelle Darstellung von Frauen oder Mädchen in Bildern und/oder Worten“. Sie veröffentlichte gleichzeitig im Emma-Verlag Andrea Dworkins Pornografie – Männer beherrschen Frauen. Mit der späteren Justizsenatorin von Hamburg und Berlin, Lore Maria Peschel-Gutzeit, veröffentlichte sie auch einen sehr komplexen Gesetzentwurf gegen diese Art von Pornografie, der nicht umgesetzt wurde.

1979 fuhr Schwarzer zusammen mit einer Gruppe französischer Intellektueller nach Teheran, wenige Wochen nach der Machtergreifung Khomeinis und auf den Hilferuf von Iranerinnen hin, die sich gegen Zwangsverschleierung und Entrechtung wehrten. Seither ist die Gefahr, die vom religiösen Fundamentalismus ausgeht, eines ihrer zentralen Themen. Schwarzer ist Gegnerin des islamischen Kopftuches im öffentlichen Leben, z.B. im Schulunterricht. Sie bezeichnet es als die „Flagge der islamistischen Kreuzzügler“,der „Faschisten des 21. Jahrhunderts“. Schwarzer sagte außerdem, es sei „bei weitem kein Einzelfall“, dass eheliche Gewalt unter Berufung auf den Koran verharmlost würde, wobei nicht selten auch Menschenrechtsverletzungen im Spiel seien. Kritische Stimmen werfen ihr kulturelle Insensibilität, Ignoranz und Bevormundung muslimischer Frauen vor.

Alice Schwarzer stellte sich Mitte 2007 für eine Image-Kampagne der Bild als Werbeträgerin zur Verfügung, nachdem sie ebendieses Medium in den vorigen Jahrzehnten immer wieder wegen Menschen- und Frauenfeindlichkeit attackiert hatte. Dies und ihre anschließende Begründung der Werbemitwirkung, dass neben Männern wie Gandhi oder Willy Brandt auch eine lebendige Frau wie sie in der Werbung auftauchen sollte, hatte in Teilen der Öffentlichkeit für immense Irritationen gesorgt. Anschließend berichtete sie in eben jener Zeitung, vom Gerichtsprozess um Jörg Kachelmann (6. September 2010 bis zum 31. Mai 2011). 2008 wollte Schwarzer die Chefredaktion von Emma an die Fernsehjournalistin und Kolumnistin Lisa Ortgies übergeben, die jedoch nach nur acht Wochen als Chefredakteurin im Mai 2008 wieder ausschied. Der Generationswechsel war gescheitert. Dies warf ein schlechtes Licht auf Schwarzer, denn man warf ihr nun unsolidarisches und dominantes Verhalten vor. Diese aufeinanderfolgenden Ereignisse führten dazu, dass sie an Glaubwürdigkeit verlor. Julia Seeliger schrieb beispielweise in der taz: „Alice Schwarzer lag schon mit der PorNO-Kampagne falsch. Heute kommt noch die Verbohrtheit des Alters hinzu. Es ist Zeit, dass Schwarzer als Feministin Nummer eins abtritt.“

Wahrscheinlich ist da etwas dran, denn Zeiten ändern sich nun mal. Man könnte meinen, dass sie, die nun schon um die 30 Jahre im Rampenlicht steht, einiges gewohnt sein sollte, doch sie selbst behauptet: „In der Tat, ist das Gegenteil der Fall. Man sieht immer mehr, und in Wahrheit wird man eben immer dünnhäutiger.“ Meiner Meinung nach sollte man ihre Ansichten und Handlungen selbstverstaendlich kritisch hinterfragen. Dennoch gehört es sich meines Erachtens nicht, Alice Schwarzer leichtfertig zu verurteilen, denn – auch wenn sie in vielen Dingen Unrecht haben mag-, darf nicht vergessen werden, wie viel sie auch für uns Maedchen und Frauen getan hat.

Coco

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Simone de BeauvoirSimone-de-Beauvoir / Mädchenjahreskalender

Wer sich auch nur ansatzweise mit dem europäischen Feminismus beschäftigt, kommt nicht am Namen Simone de Beauvoirs vorbei. Das liegt daran, das sie ihrer Zeit weit voraus war, und mit ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ einen Grundstein feministischer Theorien und Texte legt, auf den sich noch heute Feministinnen berufen, und der als radikalster und visionärster Beitrag zur Emanzipation der Frauen im 20. Jahrhundert gilt.

Geboren wurde Simone de Beauvoir am 9. Januar 1908, als Tochter eines Anwalts und einer Bibliothekarin, in Paris und erhielt eine streng katholische Erziehung. Im Alter von 14 Jahren distanzierte sie sich von ihrem Glauben, musste allerdings weiterhin eine katholische Mädchenschule besuchen, die sie 1925 mit dem Abitur abschloss. Daraufhin entschloss sie sich Lehramt im Fach Philosophie anzustreben. Das Studium begann sie im Jahr darauf an der Pariser Sorbonne, neben Philosophie besuchte sie auch Mathematik- und Literaturkurse.

In Zusammenhang mit Beauvoir, wird auch immer Jean-Paul Satre genannt. Und zwar nicht etwa, weil betont werden muss, was Beauvoir für einen beeindruckenden Freund hatte, sondern weil die Beziehung der beiden unglaublich interessant und bemerkenswert ist und sehr viel über Beauvoir selbst, als Frau und Feministin, aussagt. Kennen lernte sie Satre an der Sorbonne, an der er ebenfalls Philosophie studierte und mit dem sie ein Verhältnis einging. 1929 bestand Beauvoir als zweit-beste, hinter Satre, die Agrégation, die Zulassungsprüfung für die oberen Posten von Schule mit Sekundarstufe. De Beauvoir war die neunte Frau überhaupt, die diesen Abschluss machte und von diesem Zeitpunkt an, darf sie also unterrichten. Das erweist sich als nicht so einfach, weil sie zum einen keine Stelle in Paris findet und außerdem in Satres Nähe bleiben möchte.

Die erste volle Lehrverpflichtung bekommt sie als Philosophielehrerin in Marseille. Sartre ist im 800 Kilometer entfernten Le Havre angestellt. Da es für Ehepaare im öffentlichen Dienst die Möglichkeit gibt, in räumlicher Nähe voneinander beschäftigt zu werden, bietet Sartre ihr die Heirat an. De Beauvoir lehnt dies aus Abneigung gegen die Ehe als „beschränkende Verbürgerlichung und institutionalisierte Einmischung des Staates in Privatangelegenheiten“ ab. Sartre und de Beauvoir beschließen eine dauernde Verbindung, in der jeder seine Unabhängigkeit behalten und dem anderen ein völlig gleichberechtigter Partner sein soll. Das Paar führte in Einklang mit der Philosophie des Existenzialismus eine freie Beziehung, die durch keine Heirat abgesichert sein sollte und durch einen Partnerschaftsvertrag geregelt war, der alle zwei Jahre hinterfragt und erneuert werden musste. Darin wird auch festgelegt, dass ihre Beziehung zwar die „notwendige“ war, „zufällige“ weitere Beziehungen aber nicht ausgeschlossen werden. Mitte der 30er Jahre teilen die beiden sich einige Geliebte, meist ehemalige Schülerinnen von Beauvoir.

Im Laufe ihrer Bezihung haben die beiden langjährige und ernste andere Beziehungen, bleiben sich aber bis zu Satres Tod immer treu. Ein wichtiger Teil ihrer Beziehung waren die großen ausführlichen Reisen, die die beiden zusammen unternahmen. Sie verbrachten lange Monate in den USA, Kuba, Russland, China und Japan.

Während der deutschen Besatzungszeit blieb de Beauvoir in Paris. Ihre Beziehung zu Satre wird durch dessen Kriegsgefangenschaft unterbrochen, aus der er 1941 wiederkehrt. Im selben Jahr schrieb sie ihre erste bedeutende Novelle mit dem Titel „L’invitée“, mit der ihr, wie auch mit “Le sang des autres“, der Durchbruch gelang. Schon davor hatte sie kleine Essays und Novellen veröffentlicht. „L’invitée“ wurde 1943 publiziert und kurz darauf wurde sie aus dem Schuldienst entlassen und arbeitete von nun an als Programmgestalterin beim Radio Nationale.

Von da an veröffentlicht sie zahlreiche Essays, Aufsätze, Romane und oftmals autobiographische Schriften in denen sie auff philosophische Weise gesellschafts-kritische Themen behandelt. Teilweise werden diese Texte in der von Sartre gegründeten politisch-literarischen Zeitschrift „Les Temps Modernes“ publiziert. Ihr berühmtestes Werk wird aber immer “Le Deuxième Sexe“ (Das andere Geschlecht) bleiben. Denn obwohl sich Simone de Beauvoir nie selbst als Feministin bezeichnete, untersucht sie die Rolle der Frau hier auf philosophische, phänomenologische und existenzialistische Weise und vertritt die These, dass die Unterdrückung der Frau gesellschaftlich bedingt sei und diskutiert biologische, psychoanalytische und historische „Fakten und Mythen“. Sie ist der Ansicht, dass die Frau immer abhängig vom Mann definiert wird, da dieser sich mit dem Absoluten und Essentiellen gleich setzt, während der Frau die Rolle der Anderen, des Objekts zugewiesen wird.

Zahlreiche Feministinnen ihrer Zeit, aber auch noch heute, beriefen sich auf de Beauvoir und ihre Aussagen in “Das andere Geschlecht“. Das berühmteste Zitat daraus lautet „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.“. Noch heute gilt sie als eine der Feministinnen überhaupt. Schon zu Lebzeiten wurde dies angekündigt, als sie zum Beispiel 1974 zur Präsidentin der „Liga für Frauenrechte“ in Frankreich gewählt wurde. Oder drei Jahre später den Vorsitz in einer Kommission übernimmt, die im Auftrag der Regierung eine „Kulturpolitik für die Frauen“ entwerfen soll.

Simone de Beauvoir starb am 14. April 1986 in Paris, sechs Jahre nach Satre. Das ist jetzt 28 Jahre her und trotzdem fühle ich mich noch unglaublich inspiriert von ihr.

Ihr ganzen Leben lang war de Beauvoir politisch aktiv. Sie war eine der wichtigsten Beteiligten der „Résistance“, der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs , und stand unter anderem mit bekannten Revolutionären wie Che Guevara in Kontakt. Zudem setzten sie sich für die algerische Unabhängigkeit ein und 1967 wurde Mitglied des Russell-Tribunal gegen die Kriegsverbrechen in Vietnam. Ihr Lebenslauf ist voll von mutigen Aussagen, die der Zeit weit voraus waren. Das gilt für ihre Texte, aber auch für politische Aktionen, wie die Beteiligung am der öffentlichen „J’ai avorté“ (Ich habe abgetrieben) Erklärung, die 1971 im Kampf um ein neues Abtreibungsgesetz in Frankreich veröffentlicht wird.

Judith

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Judith ButlerJudith Butler / Mädchenjahreskalender / Feministin

,, Denn Sexualität ist ein Problem für unsere Geschlechteridentität, sie änstigt uns hinsichtlich unserer Geschlechterrolle. “ – Judith Butler

Judith Butler wurde am 24. Februar 1956 in Cleveland, Ohio geboren. Ihre Familie bezeichnet sie als klassische, amerikanische Juden und ihre Eltern als politsch sehr interessiert. So wuchs Judith schon mit politischen Debatten und Diskussionen auf und hatte deshalb auch keine Probleme den Meinungen ihrer Lehrer zu widersprechen. Sie besuchte eine jüdische Schule und galt dort als undisziplinierte, schwierige Schülerin. Aufrgrund ihres ,, Schlechten Betragens im Hebräischunterricht“ bekam sie im Alter von vierzehn Jahren Privatunterricht beim Rabi der Schule. Sie mochte seine Erzählweise und beschäftigte sich während diesem Privatunterricht mit ethischen und philosophischen Fragen. Besonders Spinoza, ein Philosoph der als einer der Begründer der moderenen Bibelkritik und Vertreter des Rationalismus gilt, hatte es ihr angetan. In der Pubertät hatte sie sehr mit ihrer sexuellen Orientierung zu kämpfen und verbrachte oft Stunden in der Bibliothek ihrer Eltern um Bücher bedeutender Philosophen zu wälzen.

So studierte sie ab 1974 an der Yale University Philosophie und behielt Spinozas Theorien als Thema, verband diese allerdings Hegels Theorien der Anerkennung. In Yale beschäftigte sie sich nun mit Anerkennung und Begehren und entwickelte ihre eigene Philosophie der Materialität. Von 1978 bis 1979 vertiefte sie an der Universität Heidelberg ihre Studien des deutschen Idealismus und machte 1982 ihren Abschluss in Yale. Sie arbeitete dort allerdings noch als Professorin und wurde bei Vorlesungen regelrecht gefeiert. 1990 veröffentlichte Butler ihr bekanntestes und für ihre feministischen Theorien bedeutensdes Buch ,,Das Unbehagen der Geschlechter“ ( im Original ,,Gender Trouble“). Butler kritisiert mit diesem und ihren anderen Werken vordergründig den Identitäts- und Subjektivitätsbegriff, das aus der Geschlechterrolle entstehende heterosexuelle Zwangsbild und teilweise die Herangehensweisen anderer feministischer Kritikerinnen :„Die feministische Kritik muss einerseits totalisierende Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, muss aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben. Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehrdiskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen.“– Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter.

Heute ist Butler Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der Berkley University. Der Ruhm hat sie allerdings wenig beeindruckt: Sie wird als gütig, scharfsinnig, geduldig, einfühlsam und unerbittlich beschrieben. Somit hat sie sich ihren jugendlichen Charme bewahrt und ist es meiner Meinung nach auf jeden Fall Wert ,dass man sich als junge Frau mit ihr auseinander setzt!

Nina

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Emmeline Pankhurst / Mädchenjahreskalender / FeministinEmmeline Pankhurst

„Frauen sind erst dann erfolgreich, wenn niemand mehr überrascht ist, dass sie erfolgreich sind“, das ist ein Zitat von Emmeline Pankhurst, welches ziemlich gut ihre Ziele beschreibt. Mich hat beim Recherchieren und schreiben das Leben von Emmeline sehr beeindruckt, da sie mit solchem Mut, so kontinuierlich und mit so viel Energie für das Frauenwahlrecht gekämpft hat. (Mit dem folgenden Text möchte ich euch einen kleinen Einblick in ihr Leben verschaffen.) Emmeline Pankhurst war eine radikalfeministische Frauenrechtlerin, die sich ihr ganzes Leben lang für das Frauenwahlrecht in England eingesetzt hat. Sie wurde als eines von elf Kindern, am 14. Juli 1858 in Manchester mit dem Namen Emmeline Goulden geboren. Ihre Vater, Robert Goulden, war Baumwollspinner, ihre Mutter, Sophia Crane war Hausfrau, war aber sehr am Frauenwahlrecht interessiert. Dadurch bekam Emmeline die Chance an einigen Versammlungen zum Frauenwahlrecht teilzunehmen. Über ihre erste Teilnahme schrieb sie: „Ich verließ die Versammlung als bewusste und entschlossene Befürworterin des Wahlrechts für Frauen“. Damals war sie 14 Jahre alt. Sie erhielt keine gute Ausbildung und erlangte nur durch einen Schulaufenthalt in Frankreich einige Sprachkenntnisse. Eines Tages lernte sie auf einer der Versammlungen den 24 Jahre älteren Anwalt Richard Pankhurst, einen Sozialisten und radikalen Kämpfer für das Frauenstimmrecht, kennen. 1879 heirateten sie und bekamen fünf Kinder im Zeitraum von zehn Jahren miteinander. Sie war die ganze Zeit sozial und politisch engagiert. Für die Frauen ihrer Zeit war das nichts Alltägliches. Richard Pankhurst entwarf bereits 1870 zwei Gesetze im Interesse der Frau. Eines dieser Gesetze lautet: „The Married Women’s Property Act“ (Das Eigentum von Ehefrauen). Dieses Gesetz sollte das Eigentumsrecht für Frauen durchsetzen, denn in dieser Zeit wurde sogar der eigene Lohn der Frau automatisch Eigentum des Ehemannes. Sie hatten also ein gemeinsames Ziel vor Augen, welches ihre Beziehung ungemein stärkte. Ihr Mann verstarb im Jahr 1898. Von da an hielt sie sich mit dem Lohn einer Standesbeamtin über Wasser. 1903 gründete Emmeline Pankhurst, gemeinsam mit ihrer Tochter und weiteren Frauen, eine Frauenbewegung, die „Women’s Social and Politica Union“, kurz auch WSPU. Sie war die Anführerin dieser Bewegung, die unabhängig von den Parteien agierte. Sie wird als mitreisende Rednerin, sehr mutige und äußerst willensstarke Frau beschrieben: Dadurch gewann sie in wenigen Jahren viele Anhängerinnen. Da seit langer Zeit friedlich, aber vergeblich für das Stimmrecht gekämpft wurde, ging die WSPU eher militant vor, nach dem Motto: „Taten, keine Worte“. Die Theorie des gewaltlosen Widerstandes radikalisierte sich immer mehr, es kam nicht nur einmal zu einer Verhaftung, da die Mitglieder der WSPU Wahlkampf Versammlungen störten oder an Brand- und Bombenanschlägen beteiligt waren. Wenn sie ins Gefängnis kamen, traten sie in lebensbedrohliche Hunger- und Durststreiks und erzwangen so ihre Freilassung. Aufgeben kam für sie nicht in Frage. Das Hauptbüro, welches nach London verlegt wurde, war bis 1907 enorm gewachsen, es gab regelmäßige Treffen, wo über die weiteren Pläne und die erreichten Ziele gesprochen und diskutiert wurde. „Wahlrecht für Frauen“, das war der Name der Zeitung der WSPU, welche im Jahr 1909 pro Woche 30.000- bis 50.000-mal gedruckt wurde. Sie versuchten viele Wähler zu überzeugen, nicht mehr für die Liberalen zu stimmen. Die Liberale Regierung, versuchte mit allen Mitteln die Frauenrechtbewegung zu unterdrücken, was für viele ein noch größerer Anreiz war Wiederstand zu leisten. Dadurch begaben sich viele Anhängerinnen in Lebensgefahr. Auch Emmeline, sie wurde zum Teil auf Bahren in die Versammlungen getragen, da sie so schwer krank war. Als der erste Weltkrieg ausbrach, beschloss die Organisation ihre radikale Suffragetten-Bewegung erst einmal einzustellen, da Emmeline der Meinung, dass alle Frauen ihr Land verteidigen sollen. 1918 wurde das eingeschränkte Wahlrecht für Frauen ab 30 eingeführt. 10 Jahre später, am 2. Juli 1928 wurde das Allgemeine Wahlrecht für Frauen gesetzlich beschlossen. Am 14 Juni 1928 starb Emmeline Pankhurst in London.

Luisa

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2015

chimamanda ngozi adichi / Mädchenjahreskalender / FeministinChimamanda Ngozi Adichie

Es gibt eine Anekdote aus Chimamanda Ngozi Adichis Kindheit, die schon öfter als Begründung dafür herhalten musste, warum sie sich als Feministin bezeichnet: In der Grundschule sagt die Lehrerin ihrer Klasse, dass derjenige, der die höchste Punktzahl in einem Test erreichen würde, die Rolle des Klassenaufpassers übernehmen dürfe und ihr helfen dürfe, die Ruhestörer in Schach zu halten. Die neunjährige Chimamanda erreichte die höchste Punktzahl, aber ihre Klassenlehrerin stellte schnell klar, dass nur ein Junge Aufpasser werden dürfe. Sie dachte, das wäre offensichtlich, deshalb hatte sie vergessen, es zu erwähnen. Aufpasser wurde also ein Junge, der die zweithöchste Punktzahl erreicht hatte, obwohl er, im Gegensatz zu der ambitionierten Chimamanda, gar nicht an diesem Amt interessiert war.

Chimamanda wird am 15. September 1977 in Enugu in Nigeria geboren und wächst in Nsukka als fünftes von sechs Kindern auf. Ihre Eltern sind ein Statistik-Professor an der Universität von Nigeria, und die erste Frau, die dort das Amt der Hilfskanzlerin ausübt. Auf Wunsch ihrer Eltern beginnt sie das Studium der Medizin und Pharmamedizin und leitete das Universitätsmagazin. Nach anderthalb Jahren bricht sie dies allerdings ab, um ein Stipendium wahrzunehmen, dass sie in den USA erhält. Bis 2001 studiert sie daraufhin Kommunikations- und Politikwissenschaften in Philadelphia und Connecticut. Außerdem macht sie einen Abschluss im Kreativen Schreiben in Baltimore und 2008 in Afrikanistik an der Yale Universität. Schon während sie studiert, veröffentlicht sie zahlreiche Dramen, Kurzgeschichten und Gedichte. Im Jahr 2003 erlebt sie einen großen Erfolg durch die Veröffentlichung ihres ersten Romans Purple Hibiscus, der die Geschichte eines 15-jährigen Mädchens erzählt, das unter einem strengen autoritären Vater aufwächst und den Militärputsch in Nigeria miterlebt.

Seitdem hat Chimamanda drei weitere Bücher veröffentlicht, wurde in über 30 Sprachen übersetzt und hat viele weitere Auszeichnungen und Förderungen von Universitäten wie der Princeton und Harvard Universität erhalten. Eine immer wieder auftauchende Thematik in Chimamandas Büchern ist die, der Identität und Herkunft. In dem im Jahr 2014 verfilmten Roman Half of a Yellow Sun erzählt sie eine Geschichte, die im Biafra Bürgerkieg Ende der 60er Jahre spielt. In diesem Krieg verlor ihr eigener Vater seinen Vater und alles, was die Familie besaß. Der Bezug zu ihrer Herkunft bleibt immer präsent. Chimamanda schreibt außerdem über Situationen, in denen man sich seiner moralischen wie ethischen Verantwortung bewusst sein muss, erzählt von Alltagsrassismus, den sie sowohl in ihrer Heimat, als auch in den USA erlebt hat, der Schere zwischen den Klassen, nigerischen Anti-Homosexuellen-Gesetzen und historischen Ereignissen wie dem Ende des Kolonialismus und der Liebe. In einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian kritisierte sie, dass im Endeffekt wohl jeder Autor in irgendeiner Weise über Liebe schreiben würde, das Problem dabei allerdings sei, dass wenn Männer dies tun würden, würde man es als politischen Kommentar über menschliche Beziehungen, bei weiblichen Autorinnen aber einfach nur als Liebesgeschichte einordnen. Typisch ist der feministische Unterton, den sie immer beibehält. Als junge Frau gab ein Journalist ihr den Rat, sich lieber nicht als Feministin zu bezeichnen, weil „Feministinnen Männer hassen“ würden. Das war einer der ersten Momente, in denen sie mit dem Begriff in Berührung kam und sich leicht überfordert fühlte. Vorerst nannte sie sich eine glückliche Feministin, die Männer nicht hasst, Lipgloss mag und High Heels nur für sich selbst trägt. Bis ihr bewusst wurde, dass sie selbstbewusst gegen die negativen Vorurteile, mit denen der Begriff behaftet ist, vorgehen muss. Mittlerweile hält Chimamanda auf der ganzen Welt Vorträge, mal über Literatur, mal über Feminismus. Ihr TEDxTalk We should all be feminists, den sie im April 2013 hielt, hat über eine Millionen Klicks auf YouTube erreicht. Darin erzählt sie, wie sie zur Feministin wurde, was sie für Reaktionen erlebt hat und erzählt von Situationen, in denen sie aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt wurde. Dass die Rollenbilder der Geschlechter dringend überwunden werden müssen, begründet Chimamanda auf die Tatsache, dass in der heutigen Gesellschaft eine leitende Funktion nicht mehr der physisch, sondern der an Intelligenz, Zielstrebigkeit und Innovation stärksten Person zugeschrieben werden und es keine Hormone gibt, die dabei eine Rolle spielen und somit die gesellschaftliche Überlegenheit der Männer rechtfertigen könnten.

Diesen kulturellen Wandel vollends herbeizubringen und die Überwindung der Rollenbilder zu erreichen, kann man nach Chimamandas Auffassung nur, indem ein Bewusstsein dafür entwickelt wird, wie Kinder heutzutage erzogen werden und was daran geändert werden muss: „We teach girls to shrink themselves, to make themselves smaller. We say to girls ‘You can have ambition, but not too much. You should aim to be successful, but not too successful otherwise you will threaten the man‘. Because I am female I am expected to aspire to marriage. I am expected to make my life choices always keeping in mind that marriage is the most important. Now marriage can be a source of joy and love and mutual support. But why do we teach girls to aspire to marriage and we don’t teach boys the same? We raise girls to see each other as competitors. Not for jobs or for accomplishments which I think can be a good thing but for the attention of men. We teach girls that they cannot be sexual beings in the way that boys are. Feminist: the person who believes in the social political and economic equality of the sexes“.

Dieses Zitat nutzte die amerikanische Sängerin Beyoncé in ihrem Song Flawless, den sie bei den MTV Music Award vor dem Wort FEMINIST performte, das auf der Leinwand hinter ihr in meterhohen Buchstaben angezeigt wurde. Chimamanda selbst äußerte sich dazu sehr gelassen und sagte, dass der positive Effekt dabei auf jeden Fall ist, dass mehr junge Menschen über Feminismus reden und dass dieser auf keinen Fall einen exklusiven Anschein erwecken dürfe.

Chimamanda inspiriert in ihrer Zielstrebigkeit, Entschlossenheit und Coolness. Sie ist zugleich sehr wortgewandt, lustig und sympathisch, weshalb es scheint, als könne sie jede/n davon überzeugen, für den Feminismus einzustehen. Und sie ist eins der stärksten Beispiele gegen das Vorurteil der verbitterten Feministin.

Judith

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Olympe de GougesOlympe de Gouges / Mädchenjahreskalender / Feministin

Im Jahr 1789 wurde in der französischen Nationalversammlung, adressiert an den König Ludwig XVI, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen) verlesen, die der neuen Verfassung Frankreichs vorangestellt werden sollte. Ein revolutionärer Akt. Aber eine Frau des bürgerlichen Standes wagte es, die Erklärung als „ungesetzliche Tyrannei“ zu bezeichnen, weil man mit „Homme“ nicht Mensch, sondern Mann meinte und man somit mindestens der Hälfte der Bevölkerung keine Rechte zusprach. Diese Frau hieß Olympe de Gouges.

Olympe de Gouges wird in der Hochphase des Absolutismus unter Ludwig XV, dem Sonnenkönig, am 7. Mai 1748 im Südwesten Frankreichs geboren und wächst unter dem Namen Marie Gouze, als Tochter einer Wäscherin und eines Metzgers auf. Eigentlich ist sie aber die außer-eheliche Tochter eines adligen Literaten, der sie allerdings nie anerkannte. Marie darf nicht die Schule besuchen und lernte das Lesen und Schreiben deshalb nur bruchstückhaft und nicht auf französisch, sondern in der okzitanischen Sprache, die man im Südwesten des Landes sprach. Aus finanziellen Gründen arrangiert ihre Familie die Ehe mit dem Koch Louis-Yves Aubry, der allerdings zwei Jahre nach der Heirat bei einem Unfall stirbt und sie mit 19 Jahren als Witwe und alleine mit ihrem Sohn Pierre zurücklässt. Kurz darauf zieht sie nach Paris. Die finanzielle Unterstützung ihres heimlichen Lebensgefährten Jacques Bietrix de Rozieres, mit dem sie 17 Jahre lang zusammen ist, ohne verheiratet zu sein, ermöglicht ihr den Status einer gut situierten Bürgerin. Sie äußert sich in den nächsten Jahren immer wieder negativ über die Ehe und lehnt es ab, erneut zu heiraten. Marie bricht so mit den Konventionen, zugunsten ihrer persönlichen Freiheit.

In Paris lebt sie außerdem unter einem neuen Namen: den Ehenamen legt sie ab, statt Marie heißt sie jetzt wie ihre Mutter Olympe und aus Gouze wird de Gouges. Die nächsten zehn Jahre verdient sie ihr Geld als Femme Galante und hat mehrere Mätressen-ähnliche Beziehungen gleichzeitig. Nebenbei arbeitet sie ambitioniert am Erlernen der französischen Sprache und bemüht sich darum, ihre autodidaktischen Fähigkeiten zu verbessern. Schnell ist ihr in Paris klar geworden, dass sie wie ihr Vater, auf den sie sich immer wieder beruft und auf den sie ihr Talent begründet, Schriftstellerin werden möchte. Weibliche Autorinnen sind zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich, aber aufgrund ihrer Intelligenz, ihrer Sprachgewandtheit, ihrer Begabung und Schönheit verschaffen ihr die Kontakte zu Prominenten und Aristokraten Zugang zu den Pariser Salons der Philosophen und Journalisten. Man hilft ihr, in der Theaterszene Fuß zu fassen und in die Salons der Intellektuellen einzutreten, wo sie sich mit anderen oppositionellen Männern und Frauen über die gesellschaftlichen Missstände austauschen kann. Ihre Schriften zeigen ausgeprägtes Wissen über die französische Geschichte, die römische und griechische Antike, das französische Theater und die politischen Philosophie. Trotz ihres engagierten Vorgehens, beklagt sie immer wieder ihre fehlende schulische Ausbildung und den mangelhaften Zugang zu Bildung in ihrer Jugend und behandelt diese Ungerechtigkeit in ihren Schriften. Mit anderen Frauen der Frauenrechtsbewegung vernetzt Olympe sich im Club der Republikanerinnen und im Verein Cercle Social.

Im Jahr 1784 thematisiert sie in ihrem ersten Briefroman die Probleme von Kindern illegitimer Herkunft und die unfreiwillige Verheiratung von Frauen. Kurz darauf soll ihr erstes Theaterstück in der Comédie de Francais – einem führenden Theater Europas – gespielt werden. Thematik des Stücks ist die Sklaverei in Frankreichs Kolonien. Doch den Geldgebern des Theaters gefällt die sympathisierende Haltung mit den Sklaven nicht und lehnen die Aufführung des Stücks ab. Es kommt zu einem Rechtsstreit und erst 1789 wird das Stück drei Mal aufgeführt (bevor es danach endgültig abgesetzt wird).

Olymps Streben nach Unabhängigkeit, künstlerischer und literarischer Freiheit und einem Leben ohne jegliche Fremdbestimmung in Bezug auf die Wahl ihrer sexuellen Partner, wie auch in Bezug auf ihren Beruf, bringen ihr ein Leben lang gesellschaftliche Anfeindungen ein, auch zu Zeiten der Revolution.

In Paris vollends bekannt wird sie, als sie 1791 den Gegenentwurf zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte veröffentlicht: Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne), adressiert an die Königin Frankreichs Marie Antoinette. Sie fordert das Recht der Frau auf Bildung, Scheidung, Ausübung von Beruf und Ämtern, die freie Wahl der sexuellen Partner und die Abschaffung der Patriarchenrechte und der Vaterschaftsverleugnung. Außerdem legt sie, nach Rousseaus Vorbild des Gesellschaftsvertrags, eine Vorlage eines Ehevertrags vor. Ihr Entwurf steht der heutigen Menschenrechtserklärung um nichts nach.

Nicht nur für die politische Positionierung in ihren Theaterstücken und Romanen ist Olympe bekannt; sie veröffentlicht zahlreiche Flugblätter, Artikel und Wandzeitungen, in denen sie zu aktuellen politischen Debatten Stellung nimmt und Forderungen stellt, wie die politische Kontrolle und Rechenschaftspflicht, die Abschaffung der Todesstrafe, die Einführung einer Verfassung, Bildung für alle Bevölkerungsschichten und freie Wahlen. Sie schlägt vor, soziale Maßnahmen einzuführen und diese durch Luxus- und Glücksspielsteuer zu finanzieren. Des Weiteren kritisiert sie öffentlich in Schmähschriften das Blutvergießen der Revolutionäre und vorallem den Revolutionsführer Maximilien de Robespierres und seinen politischen Club „Die Jakobiner“.

1793 ruft sie in einer Wandzeitung zur direkten Volkswahl auf und wird beim Plakatieren verhaftet. Der Pariser Plakatkleber hatte sich geweigert, diese für sie in der Stadt aufzuhängen, weil er die Todesstrafe befürchtete. Olympe wird wegen Hochverrats verhaftet und sitzt mehrere Monate im Gefängnis und wartet auf ihr Urteil. Auch in Haft schreibt sie weiterhin und beruft sich auf Artikel 7 der Menschenrechte, die Meinungs-und Pressefreiheit. Ein Anwalt wird ihr nicht gewährt und so steht sie am 3. November 1793 alleine vor dem Revolutionstribunal. Dort verurteilt man sie zum Tode auf dem Schafott. Das Urteil wird noch am gleichen Nachmittag vollzogen.

Die Jakobiner hatten bereits im April erklärt, dass Kinder, Irre, Minderjährige, Frauen und Kriminelle keine Bürger seien und ihnen keine Rechte zustünden. Im Oktober werden alle Frauenclubs geschlossen und verboten und ab 1795 ist es Frauen untersagt, an politischen Veranstaltungen teilzunehmen. Trotzdem datiert man die französische Revolution als Grundsteinlegung der Frauenrechtsbewegung. Frauen wie Olympe de Gouges, Edda Palm, Theroigne de Mericout und Rose Lacombe bewirkten, dass Frauen den Mut aufbrachten, gemeinsam für ihre Rechte einzustehen. Nie zuvor gab es Frauenclubs, feministische Journale oder Flugblätter, die sich mit der Forderung auf Gleichberechtigung und Rechten der Frau auseinandersetzten. Auch auf Massenversammlungen, durch Volksreden und Zeitungsartikel verschafften sie sich Gehör. Dass ihre Ziele nicht verwirklicht wurden, lag vorallem am Umbruch der Revolution, die sich zum Grande Terreur entwickelte. Dieser ließ jegliche Menschenrechte außer Acht und wurde schließlich durch Napoleon beendet wurde, der auch die Verfassung von 1789 als beendet erklärte.

Olymps Forderungen wurden erst 120 Jahre später durchgesetzt. Trotzdem ist ihre Biographie noch immer vorbildhaft, inspirierend und aktuell, weil sie als mutige Frau den Konventionen trotzte und für ihre Rechte und Forderungen einstand und somit die feministische Geschichte prägte.

Judith

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Shulamith Firestonefirestone / Mädchenjahreskalender / Feministin

Am 7. Januar 1945 wird Shulamith Firestone, von Freunden auch Shulie genannt, in Kanada geboren. Noch als  Kind zieht sie mit ihrer Familie in die USA. Sie wächst dort als eines von sechs Kindern in einer jüdisch orthodoxen Familie in Missouri auf.

Während sie 1968 ihr Studium am Art Institute of Chicago abschließt, entsteht ein kurzer, zunächst unveröffentlichter, Dokumentarfilm mit dem Titel Shulie. In Texten über Shulie – den Film selber habe ich nicht finden können – wird beschrieben, dass der Film Firestone als gewöhnliche Studentin beim Malen zeige, ihr Leben und Denken als junge Frau, und wie ihre künstlerische Arbeit von männlichen Professoren abwertend kritisiert werde.

Als viele Jahre später, in den Neunzigern, die experimentelle Filmemacherin Elisabeth Subrin den Film wieder entdeckt, dreht sie ein detailgetreues Remake, um zu zeigen, wie erschreckend wenig sich in den vergangenen 30 Jahren verändert hat.

Nach wie vor in Chicago ruft Firestone gemeinsam mit Politikwissenschaftlerin und Schriftstellerin Jo Freeman die Westside Group ins Leben, welche für sozialistischen Feminismus steht und später zur Chicago Women’s Liberation Union wird. In New York gründet sie gemeinsam mit anderen Aktivistinnen die New York Radical Women (NYRW). Dort schließen sich Frauen zusammen, die bisher in politischen Gruppen aktiv sind, die sich beispielsweise für Bürgerrechte oder gegen den Vietnamkrieg einsetzen. Diese Gruppen sind in den meisten Fällen von Männern angeführt, was der Grund dafür ist, dass sich radikale weibliche Mitglieder dieser Vereinigungen nun zusammen tun, um selber das Sagen zu haben. Für die damalige Zeit undenklich.

Firestone veröffentlicht zu dieser Zeit mehrere Essays, unter anderem behandelt sie dabei die allgemeine Entwicklung des Frauenwahlrechts. Sie meint, dass es immer nur um die Erhaltung der Macht von Männern gehe und dass jede Verbesserung der Lage der Frau nur ein Nebeneffekt von männlichen Interessen sei. Alles, was das Leben von Frauen verbessert habe, passiere unbeabsichtigt.

Was man dazu wissen muss, ist, dass im Englischen das Wort sex unter anderem auch das Geschlecht eines Menschen bezeichnet. So schreibt Firestone ’68: „Contrary to what most historians would have us believe, women’s rights were never won … As for sex itself, I would argue that any changes were as a result of male interests and not female. Any benefits for women were accidental.“

Wegen Meinugsverschiedenheiten spaltet sich Die NYRW auf. Aber Firestone macht weiter. 1969 startet sie zusammen mit Ellen Willis die Redstockings. Auch hier bleibt Firestone nicht lange und gründet mit der Dänin Anne Koedt die New York Radical Feminists. Themenschwerpunkte der Gruppe sind Sexualität und Lesbianismus, sexueller Missbrauch sowie Vergewaltigung, Mutterschaft und das Verhältnis von Geschlecht und Klasse. So organisiert Firestone beispielsweise Anfang 1969 in einer New Yorker Kirche das erste Abtreibungs-Aussprache-Treffen der Nation.

1970, im Alter von nur 25 Jahren, veröffentlicht Shulamith Firestone ihr wichtigstes Buch: The Dialectic of Sex: The Case for Feminist Revolution. Darin beschreibt sie ihre Theorie über die Unterdrückung der Frau und die Vormachtstellung des Mannes. Dieses Buch ist heute noch genauso wichtig wie damals und wird oft zitiert. Feministinnen verschiedensten Alters, wie zum Beispiel die Frauenrechtlerin Gloria Steinem oder Musikerin Kathleen Hanna,  zählen es zu ihren inspirierensten Einflüssen. Firestone beschäftigt sich in The Dialectic of Sex mit den Ideen von Karl Marx, Psychoanalytiker Sigmund Freud und den Gedanken von Simone de Beauvoir. Sie argumentiert, dass die Gesellschaft nun an einem Punkt sei, an dem Frauen sich – dank der fortgeschrittenen Reproduktionstechnologie – endlich selbst von „barbarischen“ Schwangerschaften und schmerzhaften Entbindungen befreien können. Männer und Frauen seien nicht durch ihre sozialen Unterschiede von einander getrennt, sondern auf Grund ihrer biologischen.

Die britische Tageszeitung The Guardian schreibt: Frauen besetzten laut Firestone eine sexuelle Gesellschaftsklasse unter der von Männern. Die Ungleichheit der Geschlechter komme daher, dass Frauen auf Grund ihrer biologischen Erscheinung in bestimmte soziale Strukturen gedrängt würden und die Rolle als Mutter selbstverständlich der Frau zugeschrieben werde. Schwangerschaft, Geburt und Erziehung werde als Aufgabe des weiblichen Geschlechts gesehen. Dass Biologie Schicksal sei, stelle sie dadurch in Frage.

Damit wird sie zur Vordenkerin des radikalen Feminismus ihrer Zeit.

Shulamith Firestone muss für ihr Denken immer harte Kritik einstecken, aber gerade ihre umstrittensten Theorien sind es, die die gedankliche Basis der zweiten Feminismuswelle legen. Diese „zweite Feminismuswelle“ wird im Englischen als Second-wave Feminism bezeichnet und beschreibt die von feministischen Aktionen geprägte Zeit, beginnend in den frühen 1960ern der USA bis Anfang der 80er.

Am Höhepunkt ihrer feministischen Präsenz, nach drei Jahren vollstem Einsatz, zieht sich Firestone 1970 größtenteils aus der Öffentlichkeit zurück. Abgewandt von Politik und ihren radikalfeministischen Gruppierungen lebt sie als Malerin im New Yorker Stadtteil East Village. In dieser Zurückgezogenheit leidet sie immer mehr unter ihrem sich stetig verschlechternden psychischen Zustand. Mehrere Aufenthalte in Kliniken folgen. Doch ihre Schizophrenie holt sie Ende 1980 ein. Ihr letztes veröffentlichtes Buch ist eine Sammlung von autobiographischen Kurzgeschichten. In Airless Spaces erzählt sie von durch psychiatrische Anstalten treibenden und mit Krankheit und Armut lebenden Charakteren.

Am 28. August 2012 wird Shulamith Firestone tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Ihre psychischen Probleme hatten dazu geführt, dass sie sich selbst vollkommen von der Außenwelt isolierte. Geplagt von Paranoia und Panikattacken brach sie den Kontakt zu Freunden ab, änderte ihre Türschlösser und war immer wieder in Kliniken, um dann doch wieder ihre Medikamente abzusetzen.

Ein einsames Ende, das so völlig im Gegensatz steht, zu der einst so energetischen und leidenschaftlichen Frau, die Ende 1960 Mittelpunkt der radikal femistischen Bewegung war. Shulamith Firestone war eine einflussreiche Theoretikerin und mutige Freiheitskämpferin, die innerhalb ihrer Bewegung auch als “der Feuerball” bekannt war. Bei ihrer Beerdigung sagt die Aktivistin Jo Freeman über sie:“When I think back on Shulie’s contribution to the movement, I think of her as a shooting star. She flashed brightly across the midnight sky, and then she disappeared.”. Sie wird nur 67 Jahre alt.

Helene

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Betty Friedanbetty friedan / Mädchenjahreskalender

Betty Friedan wurde am 4. Februar 1921 in Illinois geboren. Als Klassenbeste beendete sie die Highschool und studierte ab 1939 für drei Jahre Psychologie und Soziologie am Smith College. Sie erhielt ein Stipendium für die anerkannte Berkeley University ,wo sie aber nur kurz blieb und danach weiter nach New York City zog um dort als Reporterin zu arbeiten. Bald verliebte sich in den Theaterproduzenten Carl Friedan, den sie 1947 heiratete. Ein Jahr später wurde Betty zum ersten Mal Mutter und nahm nach einer Pause ihren Job bei dem Newsletter einer Elektronik-, Radio- und Maschinenarbeitergewerkschaft wieder auf. Aufgrund ihrer zweiten Schwangerschaft, fünf Jahre später, verlor Betty ihren Job und blieb zuhause um sich um Familie und Haushalt zu kümmern.

Doch mit dieser Rolle der amerikanischen Vorstadthausfrau konnte Betty sich nicht zufriedengeben und hinterfragte sie und ihre Hintergründe. Anhand des Austausches mit anderen, kam über die nächsten Jahre der Input für ihr erstes und bedeutendstes Buch The Feminine Mystique ( auf Deutsch: Der Weiblichkeitswahn oder die Selbstbefreiung der Frau ) zustande. In ihrem Werk beschreibt sie den Begriff des Weiblichkeitswahns : „[Er] besagt, daß der höchste Wert und die einzige Verpflichtung für Frauen die Erfüllung ihrer Weiblichkeit sei“, und zeigt Gründe dieser Theorie wie z. B. die Arbeit von Kriegsveteranen in der Presse, welche das Bild eines gemütlichen Familienlebens im Krieg herbeigesehnt hatten und es nun propagierten. Betty beschwerte sich über Theorien wie etwa über die Umwandlung der Ziellosigkeit von Frauen in Absatzsteigerung (Frauen kaufen viel um nicht erfüllte Bedürfnisse zu stillen) und auch das Verleihen einer Art Expertenstatus an Frauen im Umgang mit der ach-so-großen Vielzahl an Putzmitteln. Sie kritisierte außerdem Aussagen darüber, dass Frauen einfach von vornherein das Interesse an Politik und Selbstfindung fehle. Friedan fand viele Gründe für das Entstehen solcher Bilder der Frau in der Gesellschaft und erklärt die Regression der Frauenbewegung: „Ein Jahrhundert früher hatten die Frauen um die höhere Bildung gekämpft. Jetzt besuchten die Mädchen ein College, um sich einen Mann zu angeln“, „Hatten sie sich früher für Geologie oder Dichtkunst interessiert, so waren sie jetzt nur daran interessiert, “beliebt“ zu sein; die Jungen sollten sie mögen, und darum beschlossen sie, wie alle anderen Mädchen zu sein“. Mädchen wären größtenteils nicht zu einem Ich sondern zu einer sexuellen Funktion erzogen worden, Weiblichkeit statt Identität. Intellektuelle Frauen wurden von der Gesellschaft vermännlicht, was nicht unbedingt ein vergangenes Phänomen ist.

Betty stellte klar, dass Frauen ihre menschlichen Bedürfnisse nicht ewig zurückstellen könnten. Lohnarbeit sei nur ein Schritt in die richtige Richtung, auch das Erreichen der Erfüllung in der Liebe sei bei einem typischen Hausfrauenleben nicht gegeben. Viele Frauen verbrächten auch mehr Zeit mit Haushalt als ihre Großmutter zu ihrer Zeit und die ständige Präsenz der perfekten, reinlichen Mutter wirke sich auch negativ auf die Kindererziehung aus. Die stay-at-home-mom

sei zu einem Idol für junge, moderne Frauen geworden, glücklich würden sie damit allerdings nicht.

Für Betty war das der Anfang einer langen Karriere als eine der wichtigsten amerikanischen Aktivistinnen der Frauenbewegung. 1966 war sie an der Gründung der „National Organization for Women“ beteiligt, um Frauen zu einer größeren Rolle in politischen Themengebieten zu verhelfen. Sie plädierte für Abtreibungsrechte indem sie die „National Association for the Repeal of Abortion Laws“ etablierte. Gemeinsam mit Gloria Steinem und Bella Abzug trug sie 1971 zur Entstehung der NWPC (National Women´s Political Caucus) bei, eine Organisation zur Ausbildung und Unterstützung von Frauen in politischen Positionen.

In ihrem zweiten wichtigen Werk nahm Friedan eine vergleichsweise moderate Stellung zum Feminismus ein, es heißt „The Second Stage“ (Der zweite Schritt. Ein neues feministisches Konzept). Betty blickt in diesem Werk auf die Erkenntnisse ihres ersten Werkes zurück und beschreibt den folgenden, neuen Feminismus, den sie durch Beschäftigung mit beispielsweise der Rollenproblematik Mutter UND Arbeiterin, der sozialen Evolution von Männlichkeit und des wirtschatlichen Wertes weiblicher Arbeit darstellt. Außerdem verfasste sie ein weiteres Buch über die grundsätzlchen, späteren Etappen im Leben einer Frau. An ihrem 85. Geburtstag verstarb Betty Friedan an einem Herzversagen, in Washington D.C..

Betty ist eine historisch wichtige und interessante Feministin, die sinnbildlich für die zweite Frauenbewegung steht. Besonders bewunderns- und ehrenswert ist sie für den sachlichen, sehr ehrlichen Schreibstil ihres ersten Buches, für ihre unglaubliche große Einsatzbereitschaft für andere mehr als für sich selbst („Es war einfacher für mich, die Frauenbewegung ins Leben zu rufen, die nötig war, um die Gesellschaft zu verändern, als mein persönliches Leben zu ändern.“) und besonders auch für ihre Ansicht, dass für eine sinnvoll funktionierende Emanzipation die Miteinbeziehung von Männern relevant ist.

Nina

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Hedwig Dohmhedwig dohm / Mädchenjahreskalender

Einmal im Jahr verleiht der Journalistinnenbund aus Frankfurt am Main die Hedwig Dohm-Urkunde. Vergeben an Frauen, die „herausragende journalistische (Lebens-)Leistung und ihr frauenpolitisches Engagement“ bewiesen haben und „sich im Sinne der Frauenrechtlerin und Publizistin Hedwig Dohm“ engagieren. Dieser Satz lässt einige Fragen offen: Wie engagiert man sich im Sinne von Hedwig Dohm? Wer war diese Frau? Welche herausragende journalistische Leistung erbrachte sie?

Hedwig Dohm, geboren am 20. September 1831 als Marianne Adelaide Hedwig Jülich in Berlin, war weit mehr als das. Sie war Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und feministische Theoretikerin. Heute weiß man, dass sie eine der ersten war, die geschlechtsspezifische Verhaltensweisen auf die kulturelle Prägung zurückführte statt auf biologische Determination. Dass sie den deutschen Feminismus maßgeblich beeinflussen sollte, kann sie nicht einmal ahnen, so sehr wie sie in ihrer Kindheit unter mangelnder Schulbildung leidet. Als zehntes von achtzehn Kindern macht sie früh Erfahrungen mit ungleicher Behandlung aber spätestens als sie anfängt, die Schule zu besuchen, wird ihr klar, was es bedeutet, als Mädchen ungleich behandelt zu werden. Im Gegensatz zu ihren Brüdern fühlt sie sich auf der Mädchenschule schlecht ausgebildet und hoffnungslos unterfordert. Ihre Erfahrungen finden sich 1874 in ihrem Essayband „Die wissenschaftliche Emancipation der Frau“ wieder:
„Denken Sie sich, Herr von Bischof, unser Friedrich Schiller wäre in seiner Feldscheer-Familie als kleine Friederike zur Welt gekommen. Was würde wohl Großes in der kleinen Mädchenschule zu Marbach aus dieser Friederike geworden sein? Ich kann es mir lebhaft vorstellen! Schillers Riekchen hätte in der Schule beim schläfrigen Lese- oder Rechen-Unterricht, anstatt aufzupassen, ihre Bücher mit Versen beschmiert, und ahnungslos würde der Lehrer die sapphoschen Kleckse mit Fingerklopfen gestraft haben.” Sie führt ihr Gedankenexperiment fort: „Riekchen hätte man oft unter einem Lindenbaum gefunden – träumend. Riekchen hätte frühzeitig ihren guten Ruf verloren wegen verprudelter Handarbeiten und Ungeschicklichkeiten beim Aalschlachten. Ihr wäre auch kein Mann zu Teil geworden; denn der Verdacht zukünfitger Blaustrümpfigkeit häte jeden soliden Marbacher abgeschreckt. Riekchen wäre führzeitig gestorben – an einem Herzfehler.” Hedwig Dohm schreibt von Friederike als größte Dichterin Deutschlands, „wenn auch ungedruckt”.

Bis ins hohe Alter versucht sie ihre fehlende Bildung auszugleichen und bestimmt stellt dies für sie einen Grund dar, sich später für eine bessere Ausbildungssituation von Mädchen und Frauen und uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen Studienfächern und Berufen zu engagieren. Aber Hedwig Dohm ist eine fantastische Autodidaktin und so besucht sie 1851 für ein Jahr ein Lehrerinnenseminar, anschließend verbringt sie ein halbes Jahr bei ihrem ältesten Bruder in Spanien. Während sie sich auf die Reise vorbereitet, lernt sie Ernst Dohm kennen, ihren späteren Ehemann. Er ist es, der ihr als Hauslehrer eine Grundlage des Spanischen beibringt. 1853 heiratet Hedwig Schleh ihn, den leitenden Redakteur der satirischen Zeitung „Kladderadatsch“. Die beiden bekommen zwischen 1854 und 1860 fünf Kinder. Über die Mutterschaft schreibt Hedwig Dohm: „Die Emanzipation des Weibes ist das Recht des Kindes.“ Ihr einziger Sohn stirbt bereits im Alter von elf Jahren. Die Töchter erhalten fundierte Schulausbildungen. Das Ehepaar Dohm ist bekannt mit der geistigen Berliner Elite, schon bald wird ihr Haus zu einem geschätzen Salon. Kurz darauf beginnt Hedwig, selbst zu veröffentlichen. Erst Märchen in einer Kinderzeitschrift, 1867 erscheint ihr erstes selbständiges Werk über die Spanische Nationalliteratur. Bis auf den sporadischen Unterricht ihres Mannes, eignet sie sich das Wissen hierfür ebenfalls autodidaktisch an. Von 1872 bis 1879 erscheinen ihre ersten vier feministischen Essaybände („Was Pastoren von den Frauen denken“, „Der Jesuitismus im Hausstande“, „Die wissenschaftliche Emancipation der Frau“ und „Der Frauen Natur und Recht“). In ihren Büchern fordert sie die völlige rechtliche, soziale und ökonomische Gleichberechtigung von Frauen und Männern, sowie das Wahlrecht für Frauen, bereits 1873, als eine der ersten in Deutschland. Schon ihr erster Band macht sie schnell berühmt, allerdings erhält sie auch einiges an Kritik von „Männerrechtlern“ und der damals bürgerlichen Frauenbewegung, denen Dohm zu radikal war. Zusätzlich schreibt sie Stücke, die im Berliner Schauspielhaus aufgeführt werden. 1883 stirbt ihr Mann. Hedwig zieht zu ihrer Tochter, bleibt aber unabhängig. Sie verreist und fährt zur Kur, verfasst Romane und Novellen und lädt weiterhin Vertreter/innen der deutschen Frauenbewegung zum Tee ein. Außerdem ist sie Mitbegründerin mehrerer radikaler Vereine, wie des Frauenvereins „Reform“, der sich für eine umfassende Bildungsreform und das Frauenstudium einsetzte. Noch als 74-Jährige wird sie Mitglied der Gründungsversammlung vom Bund für Mutterschutz und Sexualreform. In ihren letzten Texten schreibt Dohm, eine bedingungslose Pazifistin zu sein, sie ist eine der wenigen Intellektuellen, die von Anfang an gegen den ersten Weltkrieg ist. 1918 erlebt sie noch, wie das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wird. Am 1. Juni 1919 stirbt sie in ihrer Geburtsstadt Berlin.

„Man kommt sich auf dem Gebiet der Frauenbewegung immer wie eine Wiederkäuerin vor“ soll sie gesagt haben und doch hinterließ sie uns Bücher wie „Die Antifeministen“. Hier entlarvt sie gar nicht verbittert sondern mit Humor und Ironie die Furcht vor dem weiblichen Geschlecht als dümmliche Verteidigung von Machtansprüchen. „Mehr Stolz, ihr Frauen!“ schrieb sie, „wie ist es nur möglich, dass ihr euch nicht aufbäumt gegen die Verachtung, die euch noch immer trifft. – Auch heute noch? Ja, auch heute noch. Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn.“ Und „auch heute noch” können wir hinzufügen, nur ein weiteres Zeichen, sich Hedwig Dohms Vermächtnis anzunehmen, da es weder an Aktualität noch an Wahrheit verloren hat.

Marthe

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Kathleen Hannakathleen hanna / Mädchenjahreskalender

When she walks, the revolution’s coming
In her hips, there’s revolution
When she talks, I hear the revolution (…)
Rebel Girl, Rebel Girl you are the queen of my world…’
(Bikini Kill, 1992)

Diese Worte stammen von der ehemaligen Sängerin und Gründerin von der Band Bikini Kill, Kathleen Hanna. Eine US-amerikanische Künstlerin, die sich für Selbstbestimmung und die Unabhängigkeit der Frau einsetzt. Sie tut dies nicht nur durch ihre geschriebenen Texte sondern trägt ihre Botschaften mithilfe ihrer Musik in die Welt hinaus. Hanna beeindruckt nicht nur durch ihre vielfältige Künstlerbiografie. Alleine ihre Art wenn sie redet oder voller Elan ins Mikrofon schreit, ist überwältigend.
Kathleen Hanna, wird am 12. November 1968 in Portland, Oregon geboren. Dank ihrer Mutter beschäftigt sie sich schon früh mit den Themen Sexismus und Feminismus. Als sehr prägend für ihren Werdegang bezeichnet Hanna The Feminine Mystique (Die Selbstbefreiung der Frau) von Betty Friedan. Mit 15 Jahren wird Hanna schwanger, entscheidet sich jedoch für eine Abtreibung. Sie sagt in einem Interview mit dem Salon Magazine: „Having an abortion was one of the best things I ever did (…)“ „It was one of the first things I did on my own; I worked at McDonald’s, raised the money and did it. I’m really, really passionate about pro-choice, because I wouldn’t be here talking to you right now if I’d had a kid at 15.“ Sie engagiert sich heute noch für die Pro-Choice Bewegung, die sich für das Selbstbestimmungsrecht der Frau einsetzt und damit jeder Frau ermöglichen soll, sich rechtmäßig für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. In den 1980er Jahren beginnt sie ein Fotografiestudium an dem Evergreen State College in Olympia, Washington. Das Studium finanziert sie sich unter anderem als Burlesque-Tänzerin. Neben ihrem Studium eröffnet sie 1988 mit Freunden eine Kunstgalerie namens Reco Muse. Dort verbindet sie Ausstellungseröffnungen mit Rock Shows und gründet dazu die Band Amy Carter. Anfangs wird diese von Bands wie z.B. Nirvana unterstützt. Außerdem ist Kathleen als Spoken- Words-Künstlerin tätig und spricht dabei Themen wie Sexismus und Gewalt gegen Frauen an. Nachdem die Band sich auflöst, folgt 1990 eine weitere Band, mit der sie auf Tournee durch Nordamerika geht. Mit zwei ihrer Mitstudentinnen, Tobi Vail und Kathie Wilcox, beschließt Hanna zwei feministische Zines namens Bikini Kill und Revolution Girl Style Now herauszubringen. Die drei Frauen äußern sich darin kritisch über die Diskriminierung der Frau in der Punk-Rock-Szene. Kurz darauf gründen sie, gemeinsam mit Billy Karren, die nach dem Zine benannte Punkband Bikini Kill. Kathleen übernimmt den Platz am Mikrofon. In ihren Songtexten, kann sie ihre feministischen Anliegen unterbringen. Zudem erregt die Band durch ihre Live-Auftritte, in denen teilweise Diskussionen über die Diskriminierung der Frau eingeschoben werden und die Frauen sich oberkörperfrei zeigen, Aufsehen. Nach und nach entwickelt sich dies zur sogenannten Riot-Grrrl-Bewegung. Diese feministische, popkulturelle Bewegung bekämpft Sexismus und die Dominanz von Männern in der Musikbranche, sie setzt sich für die Chance von künstlerischer Verwirklichung und außerdem für die Schaffung von alternativen Produktions- und Vertriebsstrukturen ein. Die Bewegung bringt den Feminismus und den Punkrock zusammen. 1991, als Bikini Kill ihre erste selbstproduzierte Kassette herausbringt, veröffentlicht Kathleen fast zeitgleich in ihrem neuen Magazin, dem Bikini Kill Zine 2 das Riot-Grrrl-Manifest. Darauf ist der Name der Bewegung zurückzuführen „Riot“ heißt auf Deutsch soviel wie Aufruhr oder Krawall. „Grrrl“ ist eine Zusammensetzung aus dem Wort ‚girl’ und dem Geräusch ‚grrr’, (knurren).

Der erste Satz aus dem Manifest lautet: “Because us girls crave records and books and fanzines
that speak to US, that WE feel included in and can understand in our own ways.“ Dadurch wird Hanna eine der frühsten und bekanntesten Vertreterinnen der Riot-Grrrl-Bewegung und ist es bis heute. 1998 löst sich die Band Bikini Kill auf und Hanna zieht nach New York. Dort nimmt sie ein Soloalbum mit dem Namen Julie Ruin auf und gründet die Electropunkband Le Tigre. Aus dem Soloprojekt wird 2010 die Band The Julie Ruin. Seit 2006 ist Kathleen mit Adam Horovitz verheiratet, der zu den Beastie Boys gehört. 2013 erschien der erste Film über Hanna mit dem Namen „The Punk Singer“. Heute unterrichtet die 46-Jährige Kunst an der New York University und ist weiterhin politisch aktiv.

Kathleen Hanna und die mit ihr verbundene Bewegung ist so faszinierend und motivierend, da sie so klar signalisiert, dass es am allerwichtigsten ist genau dass zu tun, was einem Spaß macht, dabei unabhängig zu sein, viel auszuprobieren und einen Ausdruck für Dinge, die einem wichtig sind, zu finden. Sie hat jahrelang für einen Platz gekämpft, an dem sich Frauen ohne Männer frei entfalten können. Dies alles tat sie mit vollem Einsatz und bewundernswerter Ausdauer. Um noch einmal aus dem Manifest, geschrieben von einer der wichtigsten feministischen Musikerinnen der letzten Jahrzehnte, zu zitieren: “Because I believe with my wholeheartmindbody that girls constitute a revolutionary soul force that can, and will change the world for real.”

Luisa

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Alle Zeichnungen © Felipa Goltz