Interviews

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Hier sind alle unsere Interviews aus dem Mädchenjahreskalender 2015 zu finden. Weitere Interviews mit Katrin Gottschalk (Missy Magazine, Chefredakteurin Print & Online), Sookee (Rapperin) und Anne Wizorek (Beraterin für digitale Medien, Autorin und feministische Bloggerin) gibt es im Mädchenjahreskalender 2016 und ab dem nächsten Jahr auch hier auf unserer Homepage!

2015

randgestaltung_langJulia Korbik

ist 26 Jahre alt, wuch im Ruhrgebiet auf, lebt heute in Berlin und arbeitet als Journalistin, Kollumnistin und Redakteurin für The European. Im Mai 2014 erschien ihr Buch Stand Up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene.

Julia Korbik

Wie und wann bist du mit dem Feminismus das erste Mal in Berührung gekommen?

Ich habe schon immer einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit gehabt und fand schon immer wahnsinnig viele Sachen unglaublich unfair. Ich bin auf ein ehemals reines Jungen-Gymnasium gegangen und man hatte das Gefühl das manche Lehrer noch immer in dieser Ära fest steckten und da gab es dann vor allem im Sportunterricht diese alten drahtigen Lehrer, die eben sowas gesagt haben wie „Julia, du machst ja Liegestütze wie ein Junge!“ – was ich dann irgendwie ein komisches Kompliment fand – oder „Die Mädchen können sich ja schon mal umziehen gehen, die Jungs wollen aber bestimmt noch eine Runde Fußball spielen“ – was ich auch doof fand, weil ich mitspielen wollte, einfach aus Prinzip. Und irgendwie dachte ich immer mal wieder „Warum ist das so?“. Ich musste dann mal einen Vortrag über Jean-Paul Sartre halten und bin dann natürlich auf Simone de Beauvoir gestoßen und weil ich die ganz interessant fand, hab ich mir dann Die Mandarins von Paris zum 18. Geburtstag schenken lassen und kurz darauf auch Das andere Geschlecht gelesen. Und dann eben immer mehr zu dem Thema gelesen, auch von anderen Autorinnen wie u.a. Virginia Woolf.

Seit wann bezeichnest du dich als Feministin und was für Reaktionen hast du darauf bekommen?

Ich glaube, ich dachte sehr schnell „Klar, wenn das Feminismus ist – ich bin dafür!“ und habe das Konzept in dem Sinne für mich verinnerlicht. Aber ich glaube, das ich bis zum heutigen Tag noch nie gefragt wurde, ob ich mich selber als Feministin bezeichne. Es kommen eher Leute auf mich zu, die Sachen von mir gelesen haben und sagen „Ah, du beschäftigst dich also mit so Frauenrechten?“ – manchmal ist das dann so typisch abwertend, aber das ist mir dann zu doof mich damit herumzuschlagen. Und so ist es eben auch nicht immer.

Woher stammt diese Angst um den Begriff?

Also generell hat das glaube ich was damit zu tun, das Leute sich nicht gerne Labeln. Man will sich nicht von bestimmten Möglichkeiten ausgeschlossen fühlen, weil man irgendein Etikett trägt, auf dem steht das man Feminist/in ist oder Mitglied in einer bestimmten Partei. Man will immer eher allgemein bleiben.

Und dann ist da natürlich noch dieser Alice Schwarzer Aspekt. Ich mag sie, obwohl sie eine kontroverse Person ist, eigentlich schon. Natürlich finde ich finde überhaupt nicht alles gut was sie macht oder wie sie sich positioniert z.B. zur Prostitution, aber sie hat den Feminismus in Deutschland einfach extrem voran gebracht hat. An ihrem Bild sind ja auch die Medien nicht ganz unschuldig. Und ich denke, sie ist so Dauer-Präsent, weil man einfach weiß, welche Meinung sie vertritt und man da nicht groß recherchieren muss, wenn man noch in eine Talkshow einladen könnte zu dem Thema. Und eben weil immer wieder auf sie zurück gegriffen wird, glauben so viele Leute, das Feminismus nichts anderes ist, als das was sie vertritt.

Wird eine neue Leitfigur gebraucht?

Also ich glaube nicht, und ich denke das ist auch gar nicht so wünschenswert. Was die heutige junge feministische Bewegung in Deutschland auszeichnet, ist, dass es sehr viele Frauen und Männer sind, die sich dafür einsetzen und auch auf ganz verschiedene Weise. Deshalb finde ich es umso mehr schade, dass diese Vielfalt nicht anerkannt wird und das war ja auch ein bisschen der Grund „Stand up“ zu machen, um einfach zu zeigen das es super viele Leute gibt, die sich damit beschäftigen und was zu sagen haben. Ich glaube es ist sehr gut, dass es hoffentlich irgendwann eine vielfältigere Repräsentation geben wird.

Inwiefern glaubst Du, unterscheiden sich deine und unsere Generation in feministischer Hinsicht?

Ich glaube ihr geht viel selbstverständlicher mit dem Thema um. Also es gibt es viel mehr positive Vorbilder, allein was das Fernsehen betrifft. Ihr habt Girls und Broad City – wo einfach Mädchen herumlaufen, die total normal aussehen, komische Liebschaften haben und wo man irgendwie denken kann „Ah, mein Leben!“. Bei mir gab es nur GZSZ, Lindenstraße und O.C. California… Außerdem wachst ihr natürlich viel mehr mit dem Internet auf, als ich. Junge Frauen haben ein viel größeres Bewusstsein und natürlich bessere Möglichkeiten sich zu informieren. Es gibt unzählige Blogs! Von daher denke ich, dass man sich da gar keine Sorgen machen muss, weil eine unglaublich motivierte Generation auf uns zukommt, die gerne selbst was in die Hand nimmt. Und das kann man ja auch Generations- übergreifend machen und sich vor allem auch austauschen.

Gibt es Diskussionen in denen es dir schwer fällt dich zu positionieren? Zum Beispiel: Frauenquote

Also mit der Frauenquote hatte ich lange meine Schwierigkeiten, weil ich dachte „Quotenfrau, wer will das denn sein?“, aber letztendlich bin ich das beim European und ich denke einfach das es notwendig ist. Ich soll in meiner Redaktion alle Frauen repräsentieren und das kann ich natürlich gar nicht. In der Medienbranche sind alle Top-Positionen von Männern besetzt, womit ich persönlich sehr konfrontiert werde, und deshalb denke ich einfach mittlerweile das wir die Quote dringend brauchen. Jeder konsumiert irgendwie Medien und man merkt teilweise sehr, dass diese hauptsächlich von Männern gemacht werden und das stört mich unheimlich. Es sind immer die gleichen Perspektiven. Deswegen habe ich mich mittlerweile dazu durchgerungen zu sagen, wir brauchen eine Quote. Es ist natürlich schwierig, wenn man weiß, das man aufgrund seines Geschlechts eingestellt wird. Anderseits werden Männer ja offensichtlich auch aufgrund ihres Geschlechts eingestellt. Es gibt also auch eine Männerquote, die fast hundert Prozent beträgt in einigen Bereichen.

Wer ist in feministischer Hinsicht dein Vorbild, wen bewunderst du und wer ist deine liebste Anti-Feministin?

Meine liebste Anti-Feministin ist Birgit Kelle, sie ist auch The European Kolumnistin. Als es um #Aufschrei ging, hat sie einen Artikel (später auch ein Buch) geschrieben, der hieß: Mach doch die Bluse zu, indem sie gesagt hat, dass Frauen es ja wollen, von Männern angestarrt zu werden und wer das nicht wolle, solle eben die Bluse zumachen. Da ich aber nun mal für ein Debattenmagazin schreibe, habe ich gelernt, mit Meinungen umzugehen, die nicht meine eigenen sind.

Hast du einen Rat, den du jungen Frauen mit auf den Weg geben möchtest?

Der Rat, den ich Mädchen geben würde ist wirklich, man selbst zu sein. Das klingt total cheesy aber ich glaube, dass es schwieriger ist, als man denkt. Ich glaube, man sollte sich auch wirklich trauen, Meinungen zu vertreten auch wenn das nicht die Meinungen sind, die alle anderen haben und Sachen zu machen, die alle anderen vielleicht nicht gut finden.Wenn man was gerne machen möchte, dann sollte man das auch einfach tun, egal, was es ist. Und nicht reinreden lassen!

Twitter Account: @FrauKorbik

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Meredith Haaf

ist 31 Jahre alt, lebt in ihrer Heimatstadt München und hat Geschichte und Philosophie studiert. Sie ist Autorin von Heult doch: Über eine Generation und ihre Luxusprobleme und Coautorin von Wir Alphamädchen: Warum Feminismus das Leben schöner macht. Außerdem ist sie Mutter, Kapitalismuskritikerin, Twitterin (der Begriff steht tatsächlich im Duden), Mitbegründerin der Mädchenmannschaft und schreibt unter anderem für NEON, Nido und die Süddeutsche Zeitung.

Meredith
Wann bist Du das erste Mal bewusst mit Feminismus in Berührung gekommen?

Als Jugendliche war das Thema für mich völlig irrelevant. Ich habe mich schon immer politisch links positioniert. Auch meine Eltern waren immer eher links und haben mich nie anders erzogen als meine Geschwister. Ich besuchte ein musisches Gymnasium, wo auch alle sehr frei und kreativ waren und deswegen habe ich mich nie wegen meines Geschlechtes eingeschränkt oder anders behandelt gefühlt. Dass Geschlecht eine Rolle spielt, kam eigentlich erst, als ich mit Anfang 20 in die Arbeitswelt einstieg.

Mit ein paar befreundeten Journalistinnen haben wir dann eine Art Lesezirkel gegründet, wo wir uns regelmäßig trafen, um Bier zu trinken und über Frauen und Männer und Medien und Politik zu diskutieren. Im Hinterkopf hatten wir die Idee, eine Art Fanzine zu machen mit einem intelligenteren, kritischeren und lustigeren Frauenbild. Das war so um 2007 und es war eine Zeit, in der aus verschiedenen Gründen relativ viel über die „jungen Frauen“ geschrieben wurde. Wir haben uns darin gar nicht erkannt und uns richtig geärgert, weil wir immer dachten: „Über wen reden die da eigentlich?“ Tja, und je länger wir uns mit dem Thema beschäftigten, stellten wir fest, dass wir mit unserer Gesellschaftskritik eigentlich Feminismus machten.

Wieso tun sich so viele schwer damit, sich als Feministin zu bezeichnen?

Ich glaube, es gibt in den jüngeren Generationen sehr große Vorbehalte demgegenüber, sich grundsätzlich zu positionieren und einer Gruppe zuzuordnen. Feministinnen sind in vielen Kreisen nach wie vor sehr unbeliebt. Und dann fehlen, glaube ich, attraktive Vorbilder und oder Umfelder, in denen man sich engagieren kann.

Haben sich Deine Interessen bezogen auf Feminismus mal geändert?   

Auf jeden Fall! Mich hat anfangs vor allem die Frage von beruflicher Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Familie und Karriere interessiert. Später hat mich unter anderem die Pornografie-Debatte sehr beschäftigt, was mich inzwischen null interessiert. Meine Interessen haben sich auch verändert, dadurch dass ich mit Ende 20 Mutter geworden bin. Da hat sich mein Blick auf die Gesellschaft verändert und politisch bin ich, glaube ich, radikaler geworden. Das Allerwichtigste überhaupt ist für mich die Frage, wie sich Feminismus zu Kapitalismus positioniert. Ich halte es für unverzichtbar, sich als Feministin damit auseinander zu setzen.

Ganz spezifisch: Welche Fragen beschäftigen Dich, wenn du die Beziehung zwischen Kapitalismus und Feminismus ansprichst?

Ich glaube, man muss sich als Feministin grundsätzlich entscheiden, ob man gesellschaftliche Veränderungen innerhalb des kapitalistischen Systems vorantreiben möchte oder aber ob man davon ausgeht, so wie die Wirtschaft grundsätzlich organisiert ist, schafft sie extreme Ungleichheiten, die sich unter anderem zwischen den Geschlechter manifestieren. Viele Feministinnen wollen aber so weit gar nicht gehen, das Problem im kapitalistischen System zu sehen. Ich halte es für das Allerwichtigste, zu erkennen, dass sich zwischen den Geschlechtern nur eines der kapitalistischen Machtverhältnisse zeigt.

Wer inspiriert Dich in feministischer Hinsicht?

Von Simone de Beauvoir habe ich gelernt, dass es extrem intelligenten Feminismus gibt, der im Gegensatz zum Klischee intellektuell sehr aufregend sein kann. Ich finde, umso mehr man sich damit beschäftigt, desto spannender wird es. Die Fragestellungen werden immer komplizierter und generell ist das Thema unglaublich vielschichtig. Das ist Ökonomie, Soziologie, Philosophie und vieles mehr …

Meine Vorbilder sind natürlich vor allem Frauen, die schreiben oder geschrieben haben. Das sind vor allem Autorinnen die feministisch denken, aber nicht nur über Geschlechterthemen schreiben. Beispiele sind Susan Sontag, Joan Didion, Rebecca Solnit, Katha Pollitt oder Laurie Penny.

Gibt es Diskussionen in denen es Dir schwerfällt, Dich zu positionieren? Zum Beispiel: Betreuungsgeld

Diese 150 Euro im Monat beantragt niemand. In Kombination mit Hartz IV darfst du es nicht beantragen und die Familien, die es sich tatsächlich leisten können, dass einer zu Hause bei den Kindern bleibt, für die machen 150 Euro auch keinen großen Unterschied. Einfach völlig überflüssig. Das ist pure Symbolpolitik.

Stichwort: Alice Schwarzer – Brauchen wir eine neue „Leitfigur“ in Deutschland?

Nein, so eine Leitfigur ist nicht mehr zeitgemäß ist. Ihr seht ja, wie umstritten Alice Schwarzer noch immer ist. Wenn eine Person zur Sprecherin für so eine große und diverse Gruppe wird, ist nicht gut. Ich halte es auch für unwahrscheinlich, dass sich heute noch so viele Frauen hinter eine Frau scharren. Natürlich wird es immer diejenigen geben, die es schaffen, die Stimmen zu werden, die gehört werden – so funktioniert die Öffentlichkeit.

Wie sieht Deiner Meinung nach eine moderne Frauenbewegung aus, die Anhänger/innen findet?

Feminismus war nie eine Massenbewegung und wird es auch nie werden. Als wir Wir Alphamädchen geschrieben haben, haben wir schon gedacht, dass man das Ganze nur attraktiv genug, den Lebenswelten anpassen und sprachlich modernisieren muss, damit alle jungen Frauen und Männer feststellen, dass Feminismus das Leben schöner macht. Mittlerweile glaube ich daran nicht mehr, weil sich in der Praxis gezeigt hat, dass es doch deutlich schwieriger ist, dieses Thema geschlechterübergreifend anzugehen. Das merkt man zum Beispiel daran, dass Gleichstellungsbeauftragte immer Frauen sind oder in den Medien nur Frauen über diese Themen schreiben.

Wie nun aber eine moderne Frauenbewegung aussehen müsste, weiß ich nicht. Das Gedankengut und die Ideale muss man, glaube ich, trotzdem immer wieder an die Leute herantragen. Auch ein politisches Ziel zu finden, unter dem sich alle vereinigen können, ist, denke ich, wichtig. In den 70ern war es das Thema Abtreibungsrecht. Und es war ein Ziel, das greifbar und erreichbar schien. So konkrete politische Ziele, die groß genug für alle sind, aber nicht so groß, dass man sich keine Umsetzung überlegen kann, benötigen wir. Außerdem ist mir diese hauptsächlich digitale Vernetzung noch zu unverbindlich.

Welchen Rat gibst Du jungen Mädchen mit auf den Weg?

Es ist, glaube ich, sehr wichtig, rauszufinden, was man selber will, wofür man sich interessiert und was für ein Mensch man irgendwann sein möchte. Was man vermeiden sollte, ist, sich von dem Bild abhängig zu machen, das andere von einem haben. Und: Es ist sehr gut, Entscheidungen zu treffen. Man muss keine Angst davor haben, da etwas falsch zu machen, wenn man weiß, warum man sich entschieden hat. Mir hat es sehr geholfen, als ich verstanden habe, dass im Leben kaum etwas endgültig ist. Vor allem nicht die Gefühle, die man hat.

Twitter Account: @MeredithHaaf

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Kübra Gümüşay

ist 26 Jahre alt, in Hamburg geboren und in einem muslimisch religiösen Haushalt aufgewachsen. Sie ist Bloggerin, Journalistin und Medienberaterin. Ihr Vater kam als Sohn eines türkischen Gastarbeiters nach Deutschland und ihre Mutter mit der Ehe. Mit 14 wurde sie Schulsprecherin, war dann im Landesschülerrat und später Chefredakteurin des Jugendmagazins Freihafen der Jungen Presse Hamburg. Mit 19 startet sie ihren Blog ein fremdwoerterbuch und schreibt seitdem für die Taz, Die Zeit und Freitag. Heute arbeitet sie als Medienberaterin an der University of Oxford.

Kübra

Mit 19 hast Du deinen Blog angefangen – Was war der Grund dafür?

Damals hatte ich immer mehr rassistische und islamophobe Situationen erlebt und konnte nicht begreifen, wie jemand so viel Hass in sich tragen kann. Beispielsweise wurde ich mal auf der Straße von einer sehr wohlhabenden Frau mit Perlenkette und Kaschmirpullover als Schleiereule beschimpft. Dabei hatte ich bis dato immer angenommen, dass mit steigender Bildung und mit steigendem Wohlstand Menschen toleranter und weltoffener werden. Nur ein paar Tage später war ich dann auf einer Neonazidemo, wo ich zum ersten Mal eine große Gruppe an Nazis traf, die mich mit einem echten und ernsthaften Hass anstarrten. Diese beiden Ereignisse in Kombination brachten mich dazu, mit meinem Blog anzufangen. In der öffentlichen Debatte wurde viel über Muslime geredet, selten mit ihnen – diese wurden dabei dann auch noch stark verzerrt, gar unmenschlich und fremd dargestellt. Ich wollte eine Stimme haben, auch in der öffentlichen Debatte. Regelmäßig legte uns unser Lehrer im Unterricht Spiegel-Artikel über den Islam vor – nicht selten verließ ich dann das Klassenzimmer, weil ich es nicht ertragen konnte, wie falsch der Islam dargestellt wurde. Das ist mir damals sehr nahgegangen, denn Religion ist eigentlich etwas sehr Privates, etwas Intimes, dass dir innerlich Ruhe gibt. Wenn das aus dir herausgerissen wird und vor dir auseinandergenommen und zum Streitobjekt der Öffentlichkeit gemacht wird, dann trifft dich das im Innersten.

Wann bist Du das erste Mal bewusst mit Feminismus in Berührung gekommen?

Wäre meine erste Begegnung mit einer Feministin meine einzige geblieben, hätte ich mich niemals Feministin genannt. Meine Kunstlehrerin war die erste Feministin, die ich traf. Sie hatte ein sehr exklusives Verständnis von Feminismus – ich als Muslimin zum Beispiel konnte in ihren Augen kein empowerter, vernunftbegabter Mensch sein. Ihr Feminismus beinhaltete Frauen wie mich nicht, es sei denn, sie würden sich von ihrer Religion, ihrer Kultur, ihrer Herkunft und ihrer Gemeinschaft entfremden. Ich wollte das alles nicht aufgeben.

Jahre später hat mich die feministische Bloggemeinschaft Mädchenmannschaft dann auf ihrem Blog öfter aufgegriffen und auch um ein Interview gebeten. Das war der erste inklusive, intersektionale Feminismus, mit dem ich in Kontakt kam. Dort war es egal, dass ich Muslimin bin und ein Kopftuch trage – Hauptsache selbstbestimmt. Für mich bedeutet Feminismus das Recht auf Wahlfreiheit, auf ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben – ohne Gewalt. Feminismus ist Gleichberechtigung. Unabhänhig davon, ob man nun ein Kopftuch oder einen Minirock trägt.

Haben sich Deine Gedanken bezogen auf Feminismus mal geändert?

Was mich immer wieder zum Nachdenken gebracht hat, war die Frage, was es bedeutet, im Alltag Feministin zu sein. Ich habe festgestellt, dass es wenig Fehlertoleranz gibt. Das stört mich. Wenn Feministinnen etwas Falsches sagen – und sie sind Menschen, natürlich sagen sie falsche Sachen – muss man doch verzeihen und darüber hinwegschauen können. Es ist so wichtig, dass wir liebevoll zueinander sind und uns gegenseitig unterstützen. Diese mangelnde Toleranz untereinander führt am Ende dazu, dass sich niemand mehr trauen wird, etwas zu sagen – aus Angst vor den harten Reaktionen.

Wie sieht Deiner Meinung nach eine moderne Frauenbewegung aus, die Anhänger und Anhängerinnen findet?

Die Bewegung muss die Männer und Frauen repräsentieren, für die sie vermeintlich steht. Ich kann keinen Feminismus ernst nehmen, der für alle deutschen Frauen stehen möchte aber nur einen geringen Prozentsatz dieser abdeckt, nämlich selbstbewusste, emanzipierte, weiße Akademikerinnen. Wo bleiben Nicht-Akademikerinnen, Schwarze, People of Colour (PoC), Musliminnen und co. in ihren Reihen?

Wer inspiriert Dich in feministischer Hinsicht?

Konkret inspiriert mich zurzeit Grada Kilomba sehr. Sie war mir eher bekannt durch ihre antirassistische Arbeit, aber dann habe ich auch in feministischer Hinsicht viel von ihr gelernt. Sie ist Professorin an der HU in Berlin, portugiesische Schriftstellerin und ihr Buch Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism. hat mich total berührt weil sie vieles so klar benennt.

Es gibt ein Zitat von ihr, dass ich sehr passend finde. Sie sagt:

The discourses and perspectives of black scholars remain always at the margins – as deviating, while white discourses occupy the centre. When they speak is scientific, when we speak is unscientific. Universal / specific, objective / subjective, neutral / personal, rational / emotional, impartial / partial, they have facts, we have opinions, they have knowledge, we have experiences.“

Und ich finde, das trifft auch auf die sexistische Realität unserer Gesellschaft zu. Wenn Frauen Dinge erzählen, werden diese häufig als Erfahrungen abgetan und nicht als Wissen anerkannt.

Das Kopftuch wird im europäischen Kulturkreis oft als Symbol der Unterordnung der muslimischen Frauen gesehen. Denkst Du, da ist was dran?

Es gibt Frauen, die dazu gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen. Aber wenn man ihnen nun ihr Kopftuch abnimmt – sind sie dann plötzlich frei? Nein. Es sind die Strukturen, die sie behindern und unterdrücken und die muss man bekämpfen. Die Realität ist nämlich komplizierter, als einige es gerne hätten. Das Problem an dem Kopftuch als Symbol festzumachen ist sehr populistisch, eurozentrisch und zeugt von sehr viel Unwissenheit. Der Islam gibt uns Frauen viele Rechte, die dann von patriarchalen Strukturen weggenommen werden. Nicht die Religion unterdrückt sie, sondern das Patriarchat. Ein Kleidungsstück kann nicht empowern oder disempowern. Das Kopftuch ist letztendlich nur ein Stück Stoff. Es ist die Bedeutung, die wir ihr geben, die den Unterschied macht. Und die Bedeutungshoheit liegt bei der Trägerin selber.

2013 hast Du zusammen mit Jamie Schearer und Sabine Mohamed den Hashtag gegen Alltagsrassismus #SchauHin initiiert. Wie sieht Alltagsrassismus aus?

Da gibt es viele Beispielsituationen, auf Twitter unter dem Hashtag #SchauHin findet man einiges. Alltagsrassismus ist, wenn Bewerber_innen aufgrund ihres arabischen Namens oder Frauen wegen ihres Kopftuches nicht eingestellt werden; wenn die Polizei Männer mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig kontrolliert oder eine Lehrerin sich darüber lustig macht, dass ein muslimisches Mädchen Ärztin werden möchte. Subtiler Rassismus im Alltag findet im öffentlichen Leben, an der Universität, im Bus, bei der Wohnungssuche, beim Bäcker aber auch im Freundeskreis statt. Rassismus wird oft nur mit dem der Neonazis in Verbindung gebracht, doch häufig findet er mitten unter uns, in der Mitte unserer Gesellschaft statt. Diesen Rassismus müssen wir auch sehen, denn er prägt und beeinflusst uns psychologisch in Bezug auf unser Zugehörigkeitsgefühl am meisten – und er steht symbolisch für das rassistische System, in dem wir uns bewegen.

Wie entstehen rassistische Haltungen? In Deinem TedxTalk Power of Stories — Muslims on the Web aus dem letzten Jahr in Oxford sprichst Du von Social Bubbles – was hat es damit auf sich?

Wir haben bestimmte Neigungen, bestimmte politische Orientierungen und bestimmte Interessen und Vorlieben in Bezug auf Kunst und Musik und wir umgeben uns häufig mit Leuten, die uns in diesen Gesichtspunkten ähneln. Es ist angenehmer und leichter, weil man sich nicht ständig erklären muss. Als Muslimin ist es für mich unter anderen Muslimen bequemer, weil ich vieles nicht erklären muss.

Das ist auch gar nicht verwerflich, solange man sich das auch ehrlich eingesteht: Ich kenne nicht die vielfältigen Realitäten dieser Gesellschaft, ich kenne nur mich und Menschen wie mich. Als Zweites sollte man sich immer wieder herausfordern, aus diesen Social Bubbles herauszutreten und sich bewusst mit Menschen zu umgeben, die anders sind als man selber. Die eigene comfort zone verlassen. Es ist wichtig, sich selbst herauszufordern, zu reflektieren und zu lernen. Sonst glaubt man, die eigene Lebensrealität sei die einzige reale, wichtige oder relevante und wird zu einem ignoranten Menschen. Unsere Social Bubbles, aus denen wir uns nicht heraustrauen, fördern Vorurteile und lassen uns im Alltag fast unbemerkt rassistisch sein.

Bei Alltagsrassismus geht es ja oft auch um Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen. Stichwort: Intersektionalität. Was bedeutet das?

Diskriminierung findet häufig nicht isoliert statt. Wenn eine Schwarze Frau auf der Straße angemacht wird, kann das verschiedene Gründe haben: Entweder wegen ihres Geschlechts, aus klassizistischen Gründen oder wegen ihrer Hautfarbe. Wenn man sich mit Rassismus beschäftigt, muss man sich deshalb gleichzeitig auch mit anderen Diskriminierungsformen auseinandersetzen – das gilt genauso für jene, die sich mit Sexismus, Homophobie etc. beschäftigen.

Inwiefern kann der westliche Feminismus mit dem in anderen Kulturen vereinbart werden?

Es ist sehr wichtig, dass man anderen Frauen mit sehr viel Respekt begegnet und sich darüber bewusst ist, dass der eigene Feminismus, die eigenen Ziele und Ideale sich nicht einfach so auf alle anderen übertragen lassen. Da wirkt sehr viel Eurozentrismus und Orientalismus mit und damit eben auch Rassismus. Man sollte wirklich aufpassen und sich gut reflektieren. Ein erster Schritt wäre, wenn man sich als deutsche Feministin mit white privilege und Orientalismus auseinander setzt. Wenn man sich für andere Frauen engagiert, muss man deren Kontexte verstehen lernen. Das, was gut für uns ist, ist nicht unbedingt gut für alle anderen.

Femen wollen beispielsweise die muslimische Frau befreien und sagen dabei Dinge wie: „Das Kopftuch ist ein Konzentrationslager“ oder „muslimische Frauen sind wie Sklaven, die nicht wissen, dass sie Sklaven sind“. Wenn man mit so einer Haltung an andere Frauen herantritt, ist das kein Empowerment sondern eine sture, propagandistische, ignorante und rassistische Haltung.

Was möchtest Du jungen Mädchen mit auf den Weg geben?

  • Wir sollten aufhören, uns selbst und unsere Fähigkeiten zu unterschätzen. Wir denken oft insgeheim, dass wir unsere Erfolge nicht verdient haben. Natürlich ist es wichtig, bodenständig und dankbar zu bleiben, aber davon darf man sich nicht verunsichern lassen. Es gibt einen TedTalk, den ich gern empfehlen würde: Amy Cuddy // Your body language shapes who you are Sie hat ein tolles Motto: „Fake it till you make it!“
  • Die Situationen in meinem Leben, in denen ich am meisten gelernt habe, waren jene, in denen ich außerhalb meiner comfort zone war. Sei es bei einem Praktikum im Ausland, in einer fremden Redaktion oder an Orten, an denen ich nicht sicher war, ob ich da wirklich hingehöre und Menschen getroffen habe, die ganz anders waren als ich, eine andere Herkunft hatten und andere Hintergründe als ich. Wenn man wirklich die Welt erkunden und von ihr lernen möchte, dann muss man den Mut haben, neue Herausforderungen und Abenteuer zu wagen.
  • Egal, was für berufliche Erfolge man hat und wie sehr man die Welt verändert – was zählt, ist, dass man im Alltag ein guter Mensch ist. Ich finde, es sagt viel darüber aus, wie man sich Menschen gegenüber verhält, von denen man zunächst nicht profitieren wird. Zum Beispiel wie man mit Kindern spricht oder wie man Obdachlose behandelt. Nicht die großen Erfolge in der Welt, sondern das Verhalten im täglichen Leben macht, meines Erachtens nach, den eigentlichen Wert eines Menschen aus.

Twitter Account: @kuebra

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Christina von Braun 

ist 70 Jahre alt, wuchs im Vatikan, England und Deutschland auf, lebt heute in Berlin und ist Autorin, Gender Theoretikerin, Filmemacherin, Kulturwissenschaftlerin und Professorin im Ruhestand sowie Mitbegründerin des Studiengangs Gender Studies an der Humboldt Universität zu Berlin.

Christina

Wie wurden Sie zur Feministin?

Ich habe zwölf Jahre lang in Paris gelebt, in der Zeit als der Feminismus gerade aufkam. Ich habe diese Aufbruchsstimmung miterlebt und wurde auch durch Freundinnen mit hineingezogen. Außerdem habe ich in Paris als Journalistin gearbeitet und zu dieser Zeit ein Feature über die Geschichte des Verhältnisses von Mutter und Tochter für das Radio verfasst. Daraus ist dann die Geschichte der Hysterie (Erkl.: früher als neurotische Störung mit Diagnose und Heilung bekannt, welche ausschließlich bei Frauen diagnostiziert wurde) geworden. Durch dieses Buch bin ich in ganze Denkmechanismen hinein geraten, die mir immer mehr Einsichten darüber gebracht haben, warum sich Frauen unseres Zeitalters (und auch früherer) immer wieder in bestimmten Situationen befinden. Diese Erkenntnisse waren nicht mit einem Aha-Moment verbunden, sondern entsprachen einem langsamen Prozess, mit viel innerer Auseinandersetzung und Beschäftigung mit dem Thema. Ich hab richtig daran arbeiten müssen.

Haben sich Ihre Gedanken oder Ihre Haltung zum Feminismus auch mal geändert?

Die haben sich sehr verändert, aber eher in Form von Einsichten, z.B. dass wenn der Mann mehr Rechte hat und Macht ausübt, dies nicht mit seiner körperlichen Beschaffenheit zusammenhängt, sondern eher mit kulturellen Zuweisungen an die beiden Geschlechter.

Warum wollen sich viele nicht als Feministin oder Feminist bezeichnen? Woher kommt Ihrer Meinung nach die Angst vor diesem Begriff?

Das ist ein sehr spezifisch deutsches Problem. Ein schwedischer Politiker würde immer Wert darauf legen, sich als Feministen zu bezeichnen! In Deutschland hat man nicht nur mit dem Begriff Feminismus Probleme – viele sind für die Frauenrechte, bezeichnen sich aber nicht als Feministinnen, weil der Begriff sie abschreckt. Sondern man hat auch Probleme mit der Sache selbst. In Deutschland ist es noch immer nicht so einfach Beruf und Mutterschaft zu vereinbaren. In Frankreich ist das schon lange selbstverständlich; es ist auch faktisch einfacher: mit Krippen, Kitas, Vorschulen. Das Gleiche gilt für viele andere Länder, aber eben nicht für Deutschland. Hier hat man auf der sozialen Ebene wie auch auf der von Imaginationen über Weiblichkeit ein Problem mit Frauenrechten.

Wie könnte eine neue Frauenbewegung aussehen, gerade in Deutschland? Ist die Einführung der Frauenquote ein Schritt in die richtige Richtung?

Die deutsche Gesetzgebung ist wirklich noch sehr, sehr zurückhaltend. Dabei könnte sie den Weg für die gesellschaftliche Akzeptanz ebnen. Wenn man sieht, wie die Homo-Ehe mittlerweile weitgehend akzeptiert wird, einfach weil die Gesetze liberalisiert wurden, kann man daran erkennen, dass sich die Mentalitäten auch oft an die Gesetze anpassen – nicht nur umgekehrt. Die Mentalitäten, die momentan noch aus unbewussten Vorurteilen gegenüber Frauen bestehen und sich an dem Umgang mit Frauen zeigen, könnte man stärker ändern, wenn die Gesetze in eine andere Richtung wiesen. In den skandinavischen Ländern zum Beispiel ist das längst der Fall. Dort kann man schon von einem tiefen Mentalitätswandel ausgehen. Und das, obwohl diese Länder vor 30 Jahren auch nicht viel weiter waren als wir. Der Wandel in Skandinavien ist vor allem auf die Beschlüsse der Gesetzgeber zurückzuführen. Übrigens, an der HU bekommen wir mit, dass viele Studentinnen glauben, Feminismus sei nicht mehr aktuell, auch nicht nötig und deshalb kein Thema mehr für sie. Viele erleben dann erst mit dem Eintritt in die Berufswelt ein böses Erwachen, wenn sie merken, wie dort ausgeteilt wird und wie stark man konkurrieren muss. Und wenn sie merken, wie schwer es ist, Kind und Karriere zu vereinbaren. Zurzeit gibt es in der Presse ein regelrechtes Gender- und Feminismus-Bashing. Gleichzeitig denke ich aber, dass es unterschwellig brodelt. Das finde ich dann doch sehr ermutigend.

Wie schätzen Sie den Unterschied zwischen Ihrer und unserer Generation ein?

Naja, wir waren damals am Anfang vollkommen naiv. Und einfach auch schüchterner. Ich glaube, da seid ihr weiter, im öffentlichen und selbstbewussten Auftreten und Reden. Als ich nach meinem Studium als Filmemacherin und Journalistin in Paris tätig war, lebte Alice Schwarzer auch in Paris. Die war schon sehr früh bei den französischen Feministinnen dabei und sagte zu mir: „Du musst da unbedingt mitkommen, da lernt man frei zu reden!“.

Stichwort Alice Schwarzer: Was sagen Sie dazu, dass Feminismus in Deutschland oft mit ihr gleichgesetzt wird? Denken Sie, dass eine neue Leitfigur gebraucht wird?

Zur ersten Frage: Das sehe ich als problematisch an. Und zur zweiten: Eine neue Leitfigur brauchen wir nicht. Das bringt den Feminismus um seine Vielschichtigkeit. Alice Schwarzer hat Großes geleistet, mit ihrer Power, aber sie hat mit ihrer Einseitigkeit auch viel kaputt gemacht. Und sie hat es leider gerne gesehen, dass ihr von der Öffentlichkeit der Alleinvertretungsanspruch für feministische Angelegenheiten zugewiesen wurde. Das hat die Vielfalt dessen eingeschränkt, was Feminismus und Gender sein könnten. Außerdem ist sie sehr bevormundend mit Frauen umgegangen, etwa in der Emma-Redaktion. Ich kenne ein paar Frauen, die ungeheuer verletzt aus dieser Zusammenarbeit gegangen sind.

Gibt es Themen oder Diskussionen im Feminismus, bei denen es Ihnen schwer fällt, sich zu positionieren? z.B. zur Prostitution

Ich habe mal etwas über die Geschichte der Prostitution geschrieben. In dem Fall aus dem Blickwinkel des Geldes: Die Prostitution entsteht mit der Geldwirtschaft. Wenn man die Prostitution nicht als Resultat von sexuellen Bedürfnissen, sondern als eine Eigendynamik des Geldes sieht, kommt man zu ganz anderen Schlussfolgerungen: Das Geld braucht den menschlichen Körper als Form von ‚Deckung‘. Das erkennt  man daran, dass der menschliche Körper immer dann für den Verlust einstehen muss, wenn das Geld an Wert verliert. Das zeigt auch der Beruf des Söldners, der erst mit der Einführung des Geldes entstand. Oder man kann es an Finanzkrisen wie der Lehmann-Pleite sehen: Alleine in den USA verloren damals 5 Millionen Menschen Arbeitsplatz und Behausung. Immer wenn das Geld an Wert verliert, müssen Menschen mit ihrem Körper und ihrer sozialen Existenz für das Geld einstehen. Damit alle wieder ans Geld glauben können, müssen Menschen dran glauben. Zu dieser Art von Deckung gehört auch die Prostitution. Viel von dem, was mit Gender und mit dem männlichen und weiblichen Körper zu tun hat, lässt sich aus anderen als den üblichen Gleichstellungsperspektiven lesen. Natürlich geht es um Ungleichheit, aber die Art, wie diese Ungleichheit entstanden ist, hängt oft herzlich wenig mit den geschlechtlichen Körpern zusammen – und an diese Dinge heranzukommen, das ist die eigentliche Schlüsselarbeit des Feminismus.

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