Essays

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Hier sind alle Essays aus dem ersten und dem zweitem Mädchenjahreskalender nachzulesen. Ein Plädoyer fürs Alleine sein, Essays über Mode und ihr Auswirkungen, Girl Competition & Eifersucht und außerdem ein Essay zum Themen Intersektionalität/ White Feminism gibt es im Mädchenjahreskalender 2016 und ab dem nächsten Jahr auch hier auf unserer Homepage!

2015

Sexuelle Selbstbestimmung

Eines der wichtigsten Hauptziele der Frauenrechtsbewegung ist schon immer die sexuelle Selbstbestimmung. Viele sind der Meinung, dass eine Frau in der heutigen Gesellschaft schon längst sexuell selbstbestimmt lebe, da sie gelöst von den alten Rollenbildern ihre_n sexual Partner_in wählen dürfe. Allerdings gibt es, meiner Meinung nach, noch immer Aspekte, die uns dabei einschränken. Dazu zählt zum Beispiel die Tatsache, dass die „Pille danach“ in Deutschland noch immer verschreibungspflichtig ist. In Polen, Italien und eben Deutschland kann es noch immer sehr kompliziert sein, an ein Rezept dafür zu kommen, in allen anderen Ländern in Europa ist die Pille danach aber schon längst rezeptfrei erhältlich. Die Prozedur, der wir dadurch noch immer ausgesetzt sind, sollte unbedingt vereinfacht werden. Nicht, weil die Pille danach für uns Kondom und Pille als Standard-Verhütungsmittel absetzten soll – Statistiken zeigen, dass in Ländern, in denen die Pille rezeptfrei in der Apotheke zu bekommen ist, nicht mehr darauf zurückgegriff en wird – sondern, weil es nicht immer einfach ist, ein solches Rezept zu erhalten. Immer wieder wird die Pille danach nur mit belehrenden Vorträgen verschrieben oder sogar ganz verwehrt. Viele Mädchen fühlen sich schon schlecht genug in dieser Situation, in der sie sich oftmals auch noch rechtfertigen müssen, weil sie als „zu dumm zum Verhüten“ abgestempelt werden. Hinzu kommt noch der zeitlich bedingte Stress, da die Pille innerhalb von 72 Stunden eingenommen werden muss. Für Mädchen, aber auch Partner, würde manchmal eine unnötig komplizierte Prozedur vereinfacht werden, was in den meisten unserer Nachbarländer schon lange der Fall ist. Durch den Kopf gehen lassen sollte man sich außerdem, welche Erwartungen an die sogenannte „Entjungferung“ gestellt werden. Verursacht durch die sprachliche, gesellschaftliche wie mediale Thematisierung davon, entstehen Vorstellungen, die völlig veraltet oder realitätsfern sind. So werden wir medial mit sterilem und immer gut funktionierendem Hollywood-Glamour-Sex konfrontiert, nehmen den Begriff der „Entjungferung“ einfach so hin ohne ihn zu hinterfragen und stellen an uns, wie an alle anderen, Erwartungen, wie das erste Mal abzulaufen hat.

Geht es wirklich um das Jungfernhäutchen? Ist das nicht in Wahrheit nur ein bisschen Haut, das ein wenig einreißen kann, was vielleicht ganz kurz schmerzt, aber in den wenigsten Fällen richtig blutet und den Mythen, die sich darum ranken, gar nicht gerecht wird? Jedes Hymen ist anders und bei vielen reißt es gar nicht erst beim Sex, sondern beispielsweise beim Sport ein, was oftmals nicht mal bemerkt wird. Darum kann es ja nicht hauptsächlich gehen. Wenn man diesen Begriff des Jungfernhäutchens hinterfragt, stößt man schnell an die Frage, wie sich „Jungfräulichkeit“ und der Verlust davon definieren lässt? Penis in Vagina: Punkt. Aus. Ende.? Oder bin ich schon entjungfert, wenn ich bereits oral oder anal Sex hatte? Sind Homosexuelle ihr Leben lang Jungfrauen? Wer hat warum festgelegt, was mehr zählt, intimer ist und letztendlich gilt? Irgendwie muss das doch jeder für sich entscheiden. Allerdings stellt sich auch die Frage, wieso wir überhaupt ein Wort dafür brauchen, was wir sind, bevor wir Sex hatten. Und wieso assoziieren wir das erste Mal mit einem Verlust? Die eigene Jungfräulichkeit ist ja nichts, womit man tagtäglich konfrontiert wurde und die auf einmal, nach dem wir sie „verloren“ haben, eine große Lücke zurücklässt. Schon gar nicht in unserer Generation. Die Formulierung des Verlieren der Jungfräulichkeit bleibt ein Überbleibsel aus patriarchalen Zeiten, in denen man alternativ auch von der Unschuld sprach und die als Gut des Ehemanns mit in die Ehe gebracht werden sollte und oftmals als Bedingung für eine Heirat galt. Diese Formulierung ist veraltet, weil heute die wenigsten mit dem Sex bis zur Ehe warten, sich heute niemand mehr dafür schuldig fühlen sollte, sexuell aktiv zu sein und weil sie Männer und Jungs ausklammert, da es geschichtlich eigentlich keine Rolle spielte, ob sie vor der Ehe schon Sex hatten. In Schweden wurde der Begriff Jungfernhäutchen übrigens von der Vereinigung für aufgeklärte Sexualerziehung im Jahr 2009 abgeschafft. Mit der Begründung „Sprache bestimmt wie wir denken“, wurde er im Wörterbuch durch den der vaginalen Korona (lat. Kranz oder Ring) ersetzt. Logisch wäre es außerdem, die Assoziation des Verlustes oder Endes durch den eines Anfangs zu ersetzen und somit das soziale Konstrukt der „Jungfräulichkeit“ endlich zu verwerfen. So würde man dem Ganzen doch viel eher gerecht werden. Wieso sprechen wir nicht eher von einem sexuellen Debüt?

Das französische Wort hat etwas positives und feierliches, was ja irgendwie gut passt, denn für die meisten ist es ja schon von Bedeutung das erste Mal Sex zu haben. Im Idealfall sollte man sich wohlfühlen in der Situation, aber es sollte auch niemand bereuen, wenn er oder sie im Flow der Endorphine das erste Mal mit jemandem erlebt hat, zu dem man keine enge Bindung hat oder wenn man noch nicht ganz bereit war. Das erste Mal sagt ja nicht mal ansatzweise etwas darüber aus, wie es sich zukünftig anfühlen und sein wird. Gesellschaftlich ist man aber anderer Meinung. Noch immer wird erwartet, dass man sich das alles vorher ganz genau überlegt, wann, wie, mit wem. Aber wem bringt es etwas, wenn man sich mit seinen ersten Mal-Geschichten battelt und vergleicht, welche schöner und intimer ist? Niemandem! Sich in diesem Rahmen aus gesellschaftlichen Erwartungen zu bewegen, scheint irgendwie wichtig zu bleiben. Ich bekomme oft mit, wie in meinem Freundeskreis abfällig über Andere geredet wird, weil eine Freundin vielleicht jedes Wochenende mit einem anderen Typen schläft und deshalb eine „Schlampe“ genannt wird, oder eine andere Freundin vielleicht seit drei Jahren mit dem gleichen Typen zusammen ist und noch nie einen anderen geküsst hat und deshalb als „total prüde“ gilt. Geleitet von diesen allgemeinen Vorstellungen und Zwängen werden sexuelle, wie auch freundschaftliche Beziehungen verurteilt. Die Liste des „Wie man es machen sollte und wie nicht“ ist sehr lang und viel zu schnell und hemmungslos werden Leute einfach in irgendwelche Schubladen gepackt. Es scheint, als müsste man sehr genau aufpassen, die Waage zu halten, zwischen dem ab wann, wie oft, wie viel und vor allem mit wem. Wir sollen beachten, dass man nicht mit irgendeinem Fremden sein erstes Mal hat, niemals schon beim ersten Date mit jemandem schläft und dass der Ex-Freund der besten Freundin tabu ist. Einfach aus Prinzip. Dass Beziehungen, jeglicher Art, über Eigenverantwortung laufen und so geschlossen werden sollten, dass sich beide Beteiligten wohl und zufrieden fühlen und dass das Reflektieren der eigenen Situation auch eigen bleiben sollte, wird dabei oft außer Acht gelassen. Erwartungen und Klischees steigern sich gegenseitig hoch, sodass am Ende ein Bild entsteht, dem niemand gerecht werden kann, am wenigsten vielleicht sogar als Jugendliche_r, wenn man sich sowieso erstmal orientieren und finden muss. Ein Aspekt, der uns meiner Meinung nach außerdem daran hindert, entspannt, ungehemmt und gelöst von gesellschaftlichen Erwartungen Sex zu haben, ist die Tatsache, dass manche beinahe einen Nervenzusammenbruch erleiden, allein bei der Vorstellung, sich irgendwo nackt und unrasiert wiederzufinden. Seit den 80er Jahren wird der Intimbereich in Pornos komplett rasiert, um einen ungestörten Blick in Penetrations-Nahaufnahmen zu haben. Dieser Trend ist von Hollywood so weit in die westliche Gesellschaft vorgedrungen, dass er als unausgesprochenes Gesetz zu gelten scheint und schon zu Beginn der Pubertät die allerersten Schamhaare entfernt werden, obwohl von Sex vielleicht noch lange keine Rede ist. Ein Trend, verursacht durch eine stille Gehirnwäsche, der tief verankert als ästhetische Allgemeinvorstellung gilt und wenig hinterfragt wird. Dass die Schambehaarung kulturübergreifend immer noch als sekundäres Geschlechtsmerkmal gilt und Fruchtbarkeit und Weiblichkeit bzw. Männlichkeit symbolisiert, außerdem natürlich auch einen biologischen Zweck hat und man unrasiert weniger schwitzt, Intimwarzen wie Rasurpickelchen vorbeugt, und außerdem einen geschlechtsspezifischen Körpergeruch verströmt, der als sexueller Lockstoff fungiert, wird dabei beinahe bewusst ignoriert. Der Trend des Prä-Pubertäts-Look ist mittlerweile so weit gegangen, dass sich manche Jungs und Männer sogar unter den Achseln, auf der Brust und am Bauch rasieren. Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was einem gefällt, blind diesem Trend folgen, sollte aber niemand. Wieso sollte man sich im Intimbereich auch an gesellschaftliche Konventionen halten? Hat die Schambehaarung nicht irgendwie auch etwas aufregendes und anziehendes, gerade weil man sie eben selten zu Gesicht bekommt? Ich persönlich möchte mit niemandem schlafen, der sich völlig unentspannt verhält, weil er sich die ganze Zeit nur darüber Gedanken macht, dass er nicht rasiert ist oder dass mir dessen Bauch zu dick oder Arme zu untrainiert sein könnten. Wir sollten alle aufhören uns schon im Vorhinein zu stressen und darüber nachzudenken, ob man zu kleine Brüste oder zu dicke Oberschenkel hat. Wenn man wirklich heiß aufeinander ist, spielt das dann alles wirklich noch eine Rolle? Wir sind eine Generation, die gerne betont, dass sie sich nicht fremd bestimmen lassen will. Darauf sollten wir auch beharren und das vor allem im Bett nicht geschehen lassen! Denn Pornos waren ja noch nie als Vorbild oder zur sexuellen Aufklärung gedacht, was wir dringend im Hinterkopf behalten müssen. Wir sollten uns also die Frage stellen, wie Sex aussehen würde, wenn keine Medien oder maßgebende Stereotypen uns beeinflussen würden. Jede/r würde machen, was einem gefällt, weil eben keine Norm existieren würde, die einen unter Druck setzt. Und sollte nicht genau so Sex sein?

Judith

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Über den Wunsch nach Fleisch

Wenn es um das große Thema Nahrung geht stehen sich verschiedenste Dinge gegenüber: Welthunger und Verschwendung, veganes Kunstfleisch und Fast Food, Esssucht und Diäten. Unter dem Motto „Du bist, was du isst“ instagramen wir unser Essen, wir belohnen uns damit, Stars schreiben Kochbücher, der Stolz auf den Konsum steigt, weil wir die modernen Genießer sind. Kulinarischer Genuss ist etwas geworden, „auf das wir einfach nicht verzichten können“. Die US-Schauspielerin Jennifer Lawrence sagte in einem Interview: „Eating is one of my favorite parts of the day“, und ich bin sicherlich nicht die Einzige, die das direkt so unterschreiben würde. Unser Essverhalten hat sich verändert, denn die Produktvielfalt in den Supermärkten ist größer denn je. Essen wird immer wichtiger in unserer Alltagskultur – und das hat natürlich Konsequenzen, auch für Umwelt und Klima. Es ist heute wirklich schwierig, sich so zu ernähren, dass man keinen Schaden anrichtet; eigentlich ist das fast unmöglich. Das geht von der Kaffeeernte über die Herstellung von Coca Cola bis hin zur Ei- und Milchproduktion. Das Aufgeben liegt nahe. Differenzierter als aufzugeben oder ein bockiges „Scheiß drauf“ kann sein, sich die Frage zu stellen: „Welches Leid und welchen Schaden nehme ich für meinen kulinarischen Genuss in Kauf?“ Mir erscheint vor allem ein Thema als besonders wichtig: Der weltweite Fleischkonsum, der sich in den letzten fünfzig Jahren verfünffacht hat. Wenn man getreu dem Motto „Act Locally, Think Globally“ Entscheidungen bezüglich seiner Ernährung treffen würde, wäre Fleisch nur sehr selten auf dem Tisch, denn die Massentierhaltung, aus der 98% des international produzierten Fleisches stammt, trägt mehr zur globalen Erderwärmung bei als der gesamte Transportverkehr weltweit und ist damit die Ursache Nummer eins für den Klimawandel. Es gäbe vielleicht mal ein Brandenburger Wildschwein oder ein sächsisches Reh, doch niemals in dem Ausmaß, wie wir es heute gewohnt sind. Ich bin eins dieser Großstadtmädchen, das außer der klassischen Pferdephase mit acht nie einen besonderen Bezug zu Tieren hatte. Für mich waren sie immer etwas, vor dem ich große Ehrfurcht hatte und ich habe es immer gehasst, wenn Leute mir ihre Meerschweinchen in die Arme drücken wollten.

Was, wenn die das gar nicht wollen, habe ich immer gedacht. Tiere sind doch eigenständige Lebewesen mit Bedürfnissen und Gefühlen, zu deren Innenleben ich keinen Zugang habe. Zu unberechenbar, um als Kuscheltiere zu dienen. Trotzdem geht es mir wie den meisten Menschen irgendwie nahe, Delphine in winzigen Becken eingezwängt und Löwen an ihren Gittern brüllend auf und ab gehen zu sehen. Nicht unbedingt aufgrund einer persönlichen emotionalen Bindung, sondern wegen unserer Spiegelneuronen. Die Hirnforschung fand heraus, dass diese Nervenzellen Gefühle anderer im eigenen neuronalen System abbilden. Damit lässt sich die emotionale Empathie – das menschliche Mitgefühl – zumindest teilweise erklären. Doch wir können nicht nur beispielsweise mit weinenden Babys mitfühlen, sondern auch das Verhalten von manchen Tieren nachvollziehen. Das trifft auf Haustiere, die wir häufig geradezu verehren, genauso zu wie auf Nutztiere. Unsere Spiegelneuronen sind wohl beteiligt an dem Phänomen, dass es vielen Menschen schwer fallen würde, ein Lamm zu töten oder ein Kalb zu schlachten. Die Frage, was man mit Tieren tun darf, kann sicher eine Frage von vernünftigen Überlegungen sein. Doch was meiner Meinung nach noch immer die zuverlässigste Quelle moralischen Handelns ist, wäre wohl, was man vielleicht als moralisches Gefühl bezeichnen würde. Ich glaube, zu spüren, wenn etwas falsch oder richtig ist. Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft haben nur deshalb keine Scheu und keine durch Ekel verursachten Hemmungen davor, Tiere zu essen, weil ihnen das Tierleid nicht unmittelbar vor Augen steht. Dabei wissen wir alle, wie Massentierhaltung aussieht: Masthennen, die Futter erhalten, das ihr Wachstum krankhaft beschleunigt, so dass Ermüdungsbrüche die Folge sind, da sie schneller wachsen als ihre Knochen, die das eigene Gewicht häufig nicht halten können. Die Fabrikhallen sind überfüllt, künstlich beleuchtet und fäkalienverschmutzt. Diese Hühner sehen teilweise nie die Sonne und können die Bedingungen oft nur mit Antibiotikabehandlung durchstehen. Am schlimmsten ist jedoch die Schlachtung der teilweise schlecht betäubten Tiere, die unter grausigen Transportbedingungen zu den Schlachthöfen gebracht und dort getötet werden. Das ist nur ein Beispiel, aber es ist ziemlich allgemein bekannt, wie das aussieht, auch wenn man es sich schön zu reden versucht.

Unsere Spiegelneuronen würden beim Gebrüll der Kuh oder beim leidvollen Piepen eines kranken Kükens funken, während sie bei dem in Plastik verpacktem, geruchsfreiem und rosa glänzendem Steak im Kühlregal untätig bleiben. Doch das ist Verdrängung und das Ergebnis von Manipulation und Täuschung durch das Marketing dieser 169-Milliarden schweren Industrie. Erklärt wird dieses Konzept in dem sehenswertene Talk The Secrets of Food Marketing. Wenn wir unser Fleisch also selber schlachten würden – wäre die moralische Frage damit beantwortet? Selbstverständlich nicht. Für mich persönlich ist das Gefühl trotzdem ein Indikator dafür, ob mein Handeln falsch oder richtig ist. Ich fühle mit, auch wenn mir das Innenleben von Tieren vermutlich immer unbekannt bleiben wird. Es stimmt, dass wir nicht genau wissen, inwieweit Tiere Gefühle haben, wie sehr sie sich ihrer Lage bewusst sind und was in ihnen vorgeht. Allerdings bleibt mir auch das Innenleben mancher (vorwiegend männlicher) Menschen ein Rätsel. Trotzdem ist das kein Argument, irgendjemandem Leid anzutun. Im Gegenteil: Es reicht doch zu wissen, dass Tiere leiden. Es reicht eigentlich sogar, nicht zu wissen, ob Tiere in sozialen Beziehungen mitleiden, Bedürfnisse, einen natürlichen Überlebenswillen und vor allem ein Ich-Bewusstsein haben. Solange ich es nicht – wie bei Karotten – für mich hinreichend sicher ausschließen kann, ist doch Zurückhaltung angebracht. Das subjektive Bewusstsein, Gedanken und Gefühle wie Angst lassen sich nicht rein biologisch erklären. Der Rahmen dessen, was ich für möglich – und wahrscheinlich – halte, geht aber weit über das hinaus, wofür ich bereit bin, zu sagen, dass es in meiner Verantwortung als Konsument stattfinden soll. Peter Singer, ein Philosoph, der bei diesen Fragen gern herangezogen wird, stellt das „Selbstbewusstsein“ als Kriterium auf, das ein Leben schützenswert macht. Die Würde des Menschen ist unantastbar, jeder Mensch hat Menschenrechte, Tiere dagegen haben in unserer Kultur kein Anspruchsrecht, gut behandelt zu werden – egal ob Ameise, Schwein, Hund oder Löwe, sie alle sind gleichermaßen rechtlos.

Ob es aus philosophischer Sicht richtig ist, Tiere für den Verzehr zu töten, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wie es philosophische Fragen so auf sich haben, gibt es auch dazu verschiedene mehr oder weniger überzeugende Thesen. Tatsache ist jedoch, dass es innerhalb des heutigen Systems im derzeitigen und noch zunehmenden Umfang dauerhaft nicht möglich ist, dies zu tun, ohne systematische Qual in Kauf zu nehmen. Der einkalkulierte Schwund in der Massentierhaltung, das heißt die Tiere, die an den Bedingungen der Massentierhaltung sterben, ist erschreckend hoch, aber diesen in Kauf zu nehmen ist immer noch profitabler, als solche Bedingungen zu schaffen, die es allen Tieren ermöglichen, zu überleben, bis sie geschlachtet werden. Und hier wird ein zentrales Problem deutlich: Unsere Wirtschaft ist so organisiert, dass Profit an erster Stelle steht. Sie zwingt Produzenten, für möglichst geringe Kosten möglichst viel zu produzieren. Die Leidtragenden sind dabei natürlich die Tiere, die tatsächlich einfach nicht als Lebewesen anerkannt werden. Farmer, die sich nicht anpassen, sind nicht mehr konkurrenzfähig, gehen pleite oder besinnen sich auf den Verkauf von Werten, wie Fleisch, welches ohne unbillige Qual heranwächst. Aber der Markt dafür ist klein, denn die Kosten sind hoch. Das Thema Massentierhaltung sollte man jedoch auch nicht zu naiv angehen. Massentierhaltung ist der einzige Weg, eine stetig zunehmende Weltbevölkerung von über 7 Milliarden Menschen mit dem von ihnen gewünschten Fleisch zu versorgen. Das heißt aber keineswegs, dass wir mit der hypothetischen Abschaffung der Massentierhaltung alle verhungern würden. Über 90% der Weltsojaernte und über 50% der Getreide- und Maisernte gehen in die Fütterung der Tiere in der Landwirtschaft, damit könnte man auch die Weltbevölkerung ernähren. Häufig heißt es, wer nicht bereit ist, den Preis für ein Steak zu bezahlen, das unter „artgerechten“ Bedingungen gelebt hat, der soll es nicht essen oder damit leben, dass er „gefoltertes Fleisch“ isst.

Das beantwortet vielleicht die Frage der persönlichen moralischen Verantwortbarkeit, global gesehen wird dabei eins jedoch immer noch übersehen: Familienbetriebe und Biohöfe, in denen Tiere wirklich artgerecht gehalten werden, können unseren Wunsch nach Fleisch nicht stillen. Er ist einfach zu groß. Natürlich hat der Gesetzgeber eine gewisse Verantwortung dafür, eine Grundlage für den Verbraucher zu schaffen, damit dieser sich nicht ununterbrochen über sein Essen Gedanken machen muss und auch Produzenten brauchen klare gesetzliche Grenzen dessen, was und wie produziert werden darf, insbesondere, wenn das „Produkt“ ein empfindsames ist. Dennoch: Die Hauptverantwortung dafür, dass Massentierhaltung existiert, liegt bei den Verbrauchern. Unsere Nachfrage bestimmt das Angebot und somit die Produktion. Die Mehrheit der Bevölkerungen will nicht auf Fleisch verzichten und auch nicht mehr dafür bezahlen als gewohnt. Das andererseits macht auch die Regierung, die ja die Repräsentanz eben dieser Bevölkerung ist, so zurückhaltend dabei, ordentliche Reformen durchzusetzen. Es ist momentan politisch nicht möglich, Massentierhaltung abzuschaffen. Nicht, solange die Bevölkerung nicht bereit ist, ihren Fleischkonsum radikal zu reduzieren und dabei höhere Preise in Kauf zu nehmen. Die Vorstellung von Fleisch als Luxusgut, nur für die wohlhabende Oberschicht Europas zugänglich, gefällt mir nicht und wirft einige sozialpolitische Fragen auf. Es besteht die Gefahr, dass Gerechtigkeit und Ökologie gegeneinander ausgespielt werden. Ähnlich verhält es sich mit der Energiewende, die steigende Stromkosten zur Folge hat. Wenn ein alleinerziehender Vater sich sorgt, dass er sich morgen die Wurst auf dem Schulbrot seiner Kinder oder den Strom für den Toaster nicht mehr leisten kann, wird er eher nicht aktiv und gestaltend, um den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen, sondern er wird gesetzlich verordneten ökologischen Umbau als Bedrohung wahrnehmen. Er kann es sich an diesem Punkt eher nicht leisten, über abstrakte globale Zusammenhänge nachzudenken. Und eben das bedroht den ökologischen Umbruch, denn das ganze Projekt wird somit zu einem elitären.

Wer den Klimawandel angehen und Massentierhaltung reduzieren will, muss alle miteinbeziehen. Eine solche Vision ist radikal und muss realistisch umsetzbar gestaltet werden und vor allem ein Anliegen aller sein statt großteils als Bedrohung des eigenen Lebensstandards wahrgenommen zu werden. Dazu muss, erstens einiges an Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden, damit die breite Öffentlichkeit anfängt, sich der Relevanz des Themas bewusst zu werden, zweitens dürfen wir bei unseren Überlegungen soziale Aspekte nicht vergessen. Alternativen müssen angeboten werden. Und drittens brauchen wir eine bessere Gesprächskultur, wenn wir über das Thema Fleischessen reden. Wenn man sich darüber austauscht, scheint es, als gäbe es nur ein absurdes Allesoder-Nichts-Bezugssystem. Werde Vegetarier oder verachte Vegetarier. Es scheint, als müssten sich alle Menschen, die Fleisch essen, dafür rechtfertigen und verteidigen. Deswegen kommen sie gar nicht dazu, ihre Ernährung infrage zu stellen. Vorwürfe und ein vorschnelles „Sichangegriffenfühlen“, sind für diesen – wie jeden anderen – Diskurs schädlich. Häufig wird dazu tendiert, sich bei dieser Diskussion ausschließlich mit den Extremen auseinander zu setzen, was eigentlich keinen Sinn macht. Es lohnt sich also nicht, über eine vegane Weltbevölkerung und dadurch entstehende Monokulturen zu diskutieren, denn das ist völlig fernab jeglicher gesellschaftlichen Realität. Es muss ja nicht gleich darum gehen, nie wieder Tiere oder tierische Produkte zu essen. Ein großer Schritt wäre es, den eigenen Fleischkonsum zu reflektieren und zu reduzieren. Es ist im Übrigen auch gesünder, nur einmal pro Woche oder auch weniger Fleisch zu essen. Eisen, Proteine und andere wichtige Nahrungsbestandteile im Fleisch können wir auch problemlos über andere Nahrungsmittel zu uns nehmen. Vor allem sollten wir das Thema nicht mehr meiden. Jonathan Safran Foer schreibt in seinem Buch Tiere essen: „Fleisch muss genauso oft im Mittelpunkt der Diskussion stehen, wie es mitten auf unserem Teller liegt.“ Also, lasst uns einen sachlichen Diskurs wagen und die damit verbundenen globalen Herausforderungen gemeinsam in Angriff nehmen.

Coco

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Über Glaube und Orientierung

Glaube ist ein mehrdeutiger Begriff , der mit einer langen Tradition verbunden ist. Mit dem Begriff werde ich seit ich denken kann konfrontiert. Doch erst jetzt, nachdem ich mich mit dem Thema bewusst auseinandergesetzt habe, wird mir die Vielfalt, die sich hinter dem Thema verbirgt, deutlich. Ich bin mir sicher, dass es keine allgemeingültige Definition für den Glauben gibt, da die Annäherung an das, was man glaubt, nur durch eine persönliche Auseinandersetzung erfolgen kann. Ich möchte versuchen den Einfluss des Glaubens im alltäglichen Leben anzudeuten und mich dem Begriff und der Bedeutung anzunähern, auch wenn ich nur eine persönliche und keine allgemeingültige Aussage treffen kann. Es gibt Menschen, die glauben an Schicksal, die Wissenschaft, an eine Religion, andere an sich und die Richtigkeit ihrer Entscheidungen, unterschiedliche Staats- und Gesellschaftsformen oder womöglich an Geld. In diesem Zusammenhang tauchen auch Begriff e wie Vertrauen, Hoffnung, Sicherheit und Orientierung auf. Weshalb scheint es so, dass die meisten Menschen etwas suchen, an das sie glauben können oder was ihnen Orientierung und das Gefühl von Sicherheit gibt? Und woher nehmen die Menschen, die keinen spirituellen Glauben haben, ihre Orientierung? Der Glaube ist fest im umgangssprachlichen Wortschatz integriert. Einerseits kann man damit eine starke Vermutung oder Überzeugung ausdrücken, andererseits genau so gut auch eine Unsicherheit formulieren. Dadurch, dass man „nur glaubt“ ist man nicht so richtig angreifbar, sondern schützt sich hinter dem Wort. Dinge die man glaubt, sind in dem Moment nicht beweisbar, sondern es schwingt eher eine Art Hoff nung mit. Der Mensch hat doch immer die Sehnsucht nach Orientierung und Sinnhaftigkeit. Es gibt viele Menschen, die ihr Leben lang nach etwas suchen, von dem sie überzeugt sind, an das sie glauben können oder was sie stärkt. Vielleicht stellt aber genau das für manchen Menschen ein Problem dar: Sich nicht im Klaren darüber zu sein, was man glauben soll oder was nicht. Andererseits kann auch genau das ein Weg sein, sein Leben zu führen. Sich auf die Suche nach dem zu machen, was einem wichtig erscheint oder was Hoffnung gibt, sich mit Themen und Wegen zu beschäftigen um daraus den persönlichen Glauben ziehen zu können.

Beispielsweise glaube ich schon, dass ich herausfinden werde, was mir liegt, Spaß macht, für was ich mich einsetzen und was ich beruflich machen möchte. Das heißt, ich vertraue auf meine Fähigkeiten, mein Wissen und meine Entscheidungen und dass die Menschen, mit denen ich mich umgebe, Einfluss auf meine Entscheidungen nehmen. Das alles gibt mir Orientierung, Vertrauen und die nötige Überzeugung, dass sich alles fügen wird. Das hat nichts mehr mit dem herkömmlichen, religiösen Glauben zu tun und trotzdem würde ich es als meinen Glauben bezeichnen, da ich meine Überzeugung in etwas stecke, was mir Sicherheit gibt. Besonders wichtig erscheint mir der Aspekt der Freiheit beim Glauben, da sie nichts Selbstverständliches ist. Wir müssen erst einmal die Freiheit besitzen, uneingeschränkt glauben zu können was wir wollen. Etwas zu glauben, also von etwas überzeugt zu sein, ohne es beweisen zu können, kann auch ein Totschlagargument sein, da es im Grunde keine Regeln gibt, was man, oder was man nicht glauben darf. Jeder sollte das Recht auf seinen persönlichen Glauben haben. Die Freiheit der Mitmenschen sollte durch den eigenen Glauben nicht eingeschränkt werden. Das setzt voraus, dass man weltoffen ist und sich mit sich selbst und seiner Umwelt wirklich auseinandersetzt. Dein Glaube, der dir Kraft oder Mut gibt oder hinter dem du einfach mit voller Überzeugung stehst, muss noch lange nicht gut für andere sein. Ich denke, dabei ist es immer wichtig, sich genau zu überlegen, an was man glauben möchte und an was nicht, oder hinter was man mit gutem Gewissen stehen kann. Dafür braucht man die Chance, selbst entscheiden zu können, wer oder was einem wichtig ist und von was man wirklich überzeugt ist. Entweder man vertraut auf sich und seine Wahrnehmung und Entscheidungen oder eben auf Dinge, auf die man keinen direkten Einfluss hat. Ich kann also alles drehen wie ich möchte, mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass wir alle glauben. Die eigene Auseinandersetzung ist sicher niemals abgeschlossen und verändert sich im Laufe des Lebens durch Erfahrungen, das heißt, dass sich der persönliche Glaube immer weiterentwickeln kann und sollte. Egal, ob wir an die Institution Kirche glauben, an den humanistischen Wert, an spirituelle Dinge oder die Wissenschaft. Wir sollten immer an uns selber glauben und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten entwickeln. Das glaube ich.

Luisa

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Über Tod

Wenn ich an meinen Tod denke, sehe ich nicht mich. Ich sehe keine kranke Marthe, die ihren letzten Atemzug ausstößt kurz, bevor ihr die Familie tränenüberströmt die Augen schließt. Ich sehe mich nicht in siebzig Jahren an einem Herzfehler zugrunde gehen und schon gar nicht übermorgen, unter einer Straßenbahn ableben. Wenn ich an meinen Tod denke, dauert das ungefähr zehn Sekunden, dann wechselt mein Gehirn das Thema. Entweder kommen dann Bilder einer herzzerreißenden Beerdigung oder ich denke an meine Urgroßeltern. Wie sie starben und wie meine Familie darauf reagierte, was sie mir hinterließen und was heute noch von ihnen da ist. Denn das sind meine Bezugspunkte zum Tod. Denn das waren meine einzigen Bezugspunkte zum Tod. Denn in der Unterhaltungskultur ist der Tod ein durchaus populäres Thema. Erst vor kurzem äußerte die US-amerikanische Sängerin Lana Del Rey den Wunsch, sie wäre am liebsten schon tot und löste damit einen Aufruhr der Medien und ihren Fans aus. Ich habe Woody Allen Filme wie „Hannah und ihre Schwestern“ gesehen, wo die Möglichkeit des Todes den Komödiant Mickey völlig aus der Bahn wirft oder „Harold und Maude“, wo Tod Sehnsucht und Fluch zugleich ist. Ich höre gern „There Is A Light That Never Goes Out“ von „The Smiths“, wo ich hingerissen hinhöre, wenn Morrissey singt „to die by your side is such a pleasure that brings me to smile“. In meiner Welt der Medien und Musik tauchte der Tod immer wieder auf, völlig normal aber nie mit einem normalen Standpunkt vertreten. Er war immer etwas Besonderes, egal ob Wunsch, Angst, vollkommene Gleichgültigkeit oder sogar Hobby. Wenn ich etwas weiter zurück denke, fällt mir auf, dass das nicht immer so war. Da ich als Kind christlich erzogen wurde, war der Tod für mich früher nur der Ort, wo ich nach dem Tod hinkommen sollte – der Himmel, der sich nicht mit einfachen Kategorien wie „oben“ und „mit Wolken und Engeln“ beschreiben ließ, sondern „überall war“ und vor allem „für alle offen“. Heute wie damals hatte ich nie ein Problem mit dem Tod, warum auch? Mein Bild war entweder friedlich oder spannend, in besonders pubertären Phasen von mir grenzte es sogar an sexy. Umso überraschter war ich, als ich das erste mal auf einen Standpunkt traf, der das komplette Gegenteil des meinen war:

Meine Mutter sagte, als wir über dieses Essay sprachen, ich solle unbedingt dafür appellieren, der Tod solle gesellschaftsfähiger werden. Verwirrt erzählte ich von meiner Sicht der Dinge und wurde schnell unterbrochen. Als Ergotherapeutin in einem Altersheim, konnte sie mir Einblicke in das gewöhnliche, einsame und unspektakuläre Sterben derjenigen, die nicht Superstars oder britische Bohemiens sind. Sie erzählte mir von Menschen, die gegen Ende ihres Lebens auf einmal völlig allein waren, umgeben von überfordertem oder desinteressiertem Pflegepersonal. Von Sterbenden mit Familien, die das Ausmaß der Situation nicht begriffen oder nicht begreifen wollten. Ich erfuhr von Menschen, die an ihrem Leben festhielten, weil sie Dinge bereuten oder nicht beendet hatten. Im Gegensatz zu denen, die für mein romantisiertes Bild des Todes verantwortlich waren, schrieben diese Menschen kein Lied oder Stück über ihr Sterben. Früher gingen Familien am Sonntag auf den Friedhof um in Frieden und mit guten Erinnerungen an ihre Verstorbenen Familienmitglieder zu leben. Heute sind Sonntage oft verkaufsoffen und heilig in dem Sinne, dass sie als Arbeitsaufhol- und Brunchtage dienen. Obwohl ich gern brunche und nicht das Bedürfnis habe, meine Sonntage auf dem Friedhof zu verbringen, gibt mir das zu denken. Beim Recherchieren stieß ich auf einen Artikel in der GEO. Michael de Ridder, ein Berliner Arzt berichtet, dass nie so intensiv wie heute daran gearbeitet wird, das Leben von Menschen künstlich zu erhalten. Todkranke werden in den letzten Minuten in Kliniken verlegt, nur um das Lebensende noch ein bisschen hinauszuzögern, mit der Konsequenz, dass man angeschlossen und verkabelt mit etlichen Maschinen stirbt und nicht, wie de Ridder sagt, „friedlich im Heim“. Bezeichnend ist für mich der Gebrauch des Wortes „friedlich“. In unserer Gesellschaft, wo alles opimiert und genutzt wird, kann man keine Ausnahmen an Nutzmöglichkeiten machen, schon gar nicht, wenns um Zeit geht. Nur, dass hier statt Zeit einzusparen, Zeit gewonnen werden soll – Lebenszeit. Und diese Hektik nimmt sogar dem Tod die Ruhe, die Friedlichkeit, wie es hier ausgedrückt wurde. Vielleicht wird sich das mit den kommenden Generationen oder sogar meiner eigenen schon ändern. Warum sollte dann die allgemeine Akzeptanz von Medien vor dem Sterben halt machen?

Eine Entwicklung, die Hospizleiter de Ridder kritisch sieht: Er rät dazu, Wiederbelebung mit Defibrillatoren, künstliche Ernährung und Beatmung gut zu überzudenken, wenn es sich um einen sterbenskranken 85-Jährigen Menschen handelt. „Eine unnötige Qual“, sagt er und einzig und allein im Interesse der Ärzte, die den Tod als berufliche Niederlage betrachten. Das Gegenstück dazu bilden die, die Menschen Sterbehilfe geben. Doch auch hier muss man in vier Kategorien unterscheiden: Die aktive Sterbehilfe, bei der es sich um Tötung auf Wunsch des Patienten handelt, etwa durch Verabreichung einer Überdosis Medikamente. Die Beihilfe zum Suizid gleicht der aktiven Sterbehilfe, nur handelt es sich hier bei der unterstützenden Person um einen Arzt. Die passive Sterbehilfe ist das Geschehen-lassen, der Verzicht, von lebensverlängernden Maßnahmen. Bei der indirekten Sterbehilfe schließlich liegt die Schmerzlinderung im Vordergrund, auch wenn dafür ein zeitigerer Tod in Kauf genommen wird. Die passive und indirekte Sterbehilfe ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz erlaubt. In der Schweiz außerdem die Beihilfe zum Suizid, sofern nicht nach „selbstsüchtigen Motiven“ gehandelt wird. In den Niederlanden sind Ärzten alle Arten der Sterbehilfe gestattet, solange die Einhaltung von bestimmten Sorgfaltskriterien gewährleistet ist. Die Gesellschaft spiegelt dieses Bild: Die christliche Kirche lehnt Sterbehilfe ab, sowie ca. drei Viertel der Ärzte. Auch die im Bundestag vertretenen Parteien sind dagegen. Aber nochmal zurück zum Leben: In der Literatur finden sich etliche Plädoyers für den Tod, bzw. gegen die Unsterblichkeit. Da gibt es einmal Shakespeares Hamlet, der am „Sein“ zweifelt und nichts findet, was ihn hier hält außer der Furcht vor etwas nach dem Tod, für ihn ein „unentdecktes Land aus des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt“. Ein anderes Beispiel ist Simone de Beauvoirs Roman „Alle Menschen sind sterblich“. Hier geht es um einen Mann, der im Mittelalter einen Unsterblichkeitstrank zu sich nimmt und im Verlauf der Jahrhunderte erlebt, wie alle seine Pläne scheitern, die Menschen um ihn herum, seine Freunde und die Familie sterben. De Beauvoir stellt in diesem Roman die Unsterblichkeit als Fluch dar, weil sie dem Menschen den Lebenssinn nimmt.

Das definieren des Sinns mithilfe des Todes ist nichts Neues: Schon der griechische Philosoph Epikur sagte, der Tod sei die Aufhebung von Empfindungen und nimmt uns damit die Angst vor dem Tod. „Wer eingesehen hat“, sagte er „dass am Nichtleben gar nichts Schreckliches ist, den kann auch am Leben nichts schrecken“. Auch heute ist dieses Thema aktuell, wenn auch in anderer Form. YOLO wurde zum Jugendwort 2012 und begründet damit fast einen modernen Hedonismus. You only live once stellt die Vergänglichkeit des Lebens in den Mittelpunkt und schreibt damit einen Freibrief, Bedürfnissen, ungeachtet der Konsequenzen, nachzugehen. Doch vielleicht ist YOLO auch nur die Flucht vor der Erkenntnis, dass körperliche und mentale Investition in die Zukunft auch nur ein Risiko ist, wie ohne Licht Motorrad fahren. Denn wo ist gesagt, dass man nicht trotzdem überfahren werden kann, obwohl man nicht raucht oder seine Hausaufgaben macht. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass es weniger um das Genießen geht. YOLO ist also keine Neuinterpretation vom „Carpe Diem“ Leitspruch (Lebe den Tag) unserer Elterngeneration, sondern könnte eher durch „ITEYDA“ (In Th e End You Die Anyway) ersetzt werden. Als ich anfing dieses Essay zu schreiben, stand für mich die Frage im Vordergrund „Warum lässt uns der Tod immer wieder am Leben scheitern?“ Mit meiner siebzehnjährigen Sichtweise durchforstete ich Artikel und Reportagen und kam für mich zu dem Schluss, das der Tod nicht weniger relevant aber ganz anders präsent für mich ist. Wenn ich jetzt ans Sterben denke, sehe ich nach wie vor nicht mich aber ich frage mich auch nicht mehr, warum man stirbt. „Der Tod ist der Kunstgriff der Natur, möglichst viel Leben zu haben“, hat Goethe gesagt und beantwortet beide Fragen damit. Im Werden und Vergehen entwickeln sich Lebensarten und ohne den Tod als Teil des Lebenskreises, würde es den Menschen nicht geben. Dass das sterben-müssen immer noch oft verdrängt wird, sollte für uns alle nur ein Zeichen sein, den Tod als etwas anzusehen, das uns allen Angst macht aber das uns auch alle verbindet. Deswegen sollten wir den Tod zurück ins Leben holen, egal, wie gern oder ungern wir sterben wollen.

Marthe

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Über die digitale Revolution

Ich bin manchmal genervt von Artikeln, in denen Leute anfangen, Aussagen über Generationen zu treffen. Generation Sitzen, Generation Porno, Generation X – doch als Teil einer dieser jungen Generationen, über die so gern geschrieben wird, will ich es diesen Autorinnen und Autoren auch nicht überlassen, sich über unsere Generation auszulassen, sondern stattdessen selbst mal meinen Senf dazu geben. Müsste ich uns ein Label aufdrücken, würde ich sagen, wir sind die Generation der Überforderten. Überfordert von Möglichkeiten, die wir nicht alle wahrnehmen können, von den Gedanken an die Zukunft und Ausbildungs-, Berufs- oder Studienwahl, von Alltagsentscheidungen, vom Kulturangebot, von Erwartungen und undefinierten Beziehungen – alles scheint möglich und wir irgendwie verloren. Die Links in meiner Lesezeichenliste, die Neuerscheinungen, auf die ich mich schon so lange gefreut habe und zu denen ich trotzdem nicht komme, die Musik, die Artikel, die Filme und Bücher, die jeder „kennen muss“ – all das kann überwältigen. Wir sind ständig in Kontakt, wir haben ständig Zugriff zu dem Universum Internet und die Informationsflut, die auf uns zu strömt, scheint kaum zu bewältigen. Apps wie Menthal („the app for digital diets“) sollen vor Augen führen, wie häufig man sein Handy checkt und wie viel Zeit man damit verbringt es zu benutzen. Es gibt Tests die ausrechnen, wie viel Lebenszeit wir schon auf Facebook verbracht haben und unzählige Videos wie Can We Auto-Correct Humanity? sprechen davon, wie wir uns durch Technik isolieren und uns abhängig machen von unseren Smartphones und sozialen Netzwerken, die uns kontrollieren. Neben der beliebten Diskussion über die Vereinbarkeit von Privatem und Beruf (Work-Life-Balance), könnte man sich darum sorgen, sein digitales und das „echte“ Leben irgendwie zu balancieren. Woher kommt diese Angst, sich im Netz zu verlieren? Unser Leben spielt sich zu großen Teilen online ab, vor Laptops oder Smartphones. Wir sind die Generation der digital natives, für die das ein fester Bestandteil des Alltags ist. Aus YouTube Helden werden Popstars, aus Bloggerinnen „die Stimmen einer Generation“. Wir streiten uns im Internet, downloads können uns bilden und bewegen und streams uns zum Lachen bringen.

Trotzdem wird all das noch immer als etwas gesehen, dass uns vom Abenteuer Leben abhält. Manchmal grenzt es an Selbstbetrug, wenn ich absichtlich nicht auf mein Handy gucke, wenn es klingelt, weil mich die ständige Erreichbarkeit stresst. Manchmal atme ich innerlich auf, wenn es ausgeht und empfinde es als befreiend, eine Ausrede zu haben, warum mich Nachrichten und Informationen nicht erreicht haben. Ich habe die bekannte Hass-Liebe zu meinem Smartphone entwickelt, das ich manchmal einfach nur gegen die nächste Wand schleudern möchte. Aber gleichzeitig machen uns diese Dinger unglaublich mobil und ermöglichen uns Sachen, die wir ohne sie nie auf die Beine gestellt hätten. Eine App bringt uns nach Hause, wenn wir uns verlaufen, eine andere übersetzt uns französische Vokabeln in hilflosen Situationen und alle zusammen ermöglichen uns vor allem den Austausch und die Kommunikation. Internet und Mobiltelefonie werden von Entwicklungspolitikern und Hilfsorganisationen mittlerweile als wichtiger Aspekt der Grundbedürfnisse definiert, denn sie fördern zum Beispiel durch politische Teilhabe die Demokratie oder auch den Zugang zum Gesundheitssystem. In Ländern mit anderweitig oft fehlender Infrastruktur sind sie die zentralen Säulen für Information geworden. Sie erlauben Chancen wahrzunehmen und Gefahren auszuweichen. Es gilt: „Information is empowerment.“ Eine besondere Stellung haben in diesem Kontext soziale Netzwerke, die unsere moderne Kommunikation revolutionieren. Eines muss man sich mal vor Augen führen: Wäre Facebook ein Land, wäre es das drittgrößte auf der Welt. Unterhaltungs- und Nachrichtenwebseiten wie Buzzfeed, Upworthy oder der Postillion erhalten 50 Prozent ihrer Zugriffe über soziale Netzwerke, 90 Prozent davon über Facebook. Soziale Netzwerke werden nicht nur für uns privat immer wichtiger sondern sie verändern auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.

Twitter wird von politischen Aktivisten, Privatpersonen, Organisationen, Unternehmen und Massenmedien als Plattform zur Verbreitung von kurzen Textnachrichten (Tweets) im Internet genutzt. Auch wenn die beliebtesten Twitter Accounts noch immer die von Katy Perry und Justin Bieber sind, befindet sich beispielsweise Obama in diesem Ranking auf Platz 3. Twitter dient der Unterhaltung, der Information und ist auch ein Werkzeug des politischen Protests. Mittlerweile ist der Mikrobloggingdienst auch als Motiv in der Popkultur angekommen. Zum Beispiel gibt es eine Szene in Grey’s Anatomy, in der eine Assistenzärztin die Schnitte ihrer Vorgesetzten während einer Operation twittert und dadurch Lösungsansätze für ein Problem erhält. Auch das Phänomen des #Hashtags, wurde von Twitter erfunden und ist inzwischen im Mainstream angekommen. Es erfüllt dabei den ursprünglichen Zweck, eine Vernetzung zu bestimmten Themen zu ermöglichen, eine für alle zugängliche Diskussion mit gezieltem Austausch zu einem Thema. Er kann aber auch dazu dienen, sich auf Instagram mit Hilfe von Hashtags wie #bikini, #blonde, #hot oder #instabeauty unter erforschen fremde Schönheiten, beziehungsweise die, die diese Tags benutzen und sich off ensichtlich als #hot oder #prettygirl einstufen, anzugucken. Doch abgesehen von der albernen Nutzung auf Instagram haben die Hashtags tatsächlich auch eine neue Protestform ins Leben gerufen, die durchaus wiederum kritisch gesehen wird. Sogar das Urban Dictionary definiert Hashtag-Aktivismus als Protestform, „bei der man etwas gegen ein Problem unternimmt, indem man Links twittert oder auf Facebook postet, ohne jegliche Absicht, jemals wirklich etwas zu unternehmen.“ Doch ist das tatsächlich so? Bewegen Demos auf den Straßen da draußen mehr als Kampagnen im Internet oder sind sie einfach bloß romantischer? Videos und Kampagne werden viral gehypt und zu Internethits. Wäre das im „echten“ Leben möglich? Ist es überhaupt richtig vom „echten“ Leben zu sprechen oder ist das eigentlich eine dieser sprachlich unterschwelligen Wertungen die dem Sachverhalt eigentlich nicht gerecht werden?

Manchmal wird so aus einem Mikroprotest online eine Massenbewegung. Beispielweise musste das Versandhaus Otto 2013 wegen eines digitalen Shitstorms ein Mädchen-T-Shirt mit der Aufschrift „In Mathe bin ich Deko“ aus dem Sortiment nehmen. Zara ist schon ähnliches passiert. Im Kampf gegen Sexismus, Rassismus und Polizeigewalt, oder als Mittel des politischen Protests und der Konsumkritik wurden in den letzten zwei Jahren unzählige Hashtags initiiert. Unter #NotInMyName distanzieren sich Muslime davon, wie der „Islamischer Staat (IS)“ ihre Religion für Verbrechen missbraucht. Unter #JewsAndArabsRefuseToBeEnemies präsentieren sich auf Twitter jüdische und arabische Nutzer, um ein Zeichen gegen Hass und Gewalt zwischen den Völkern zu setzen. Emma Watson hat mit ihrer Rede vor den Vereinten Nationen überall im Netz für Aufsehen gesorgt und unter dem Hashtag #heforshe, dem Namen der UN-Kampagne, die sie mit ihrer Rede startete, bekannten sich überall auf der Welt Männer zum Feminismus. #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek, die Friedensnobelpreisträgerin und #WeAreSilent-Mitbegründerin Malala Yousafzai und die #SchauHin-Mitbegründerin Kübra Gümüşay haben sich den Hashtag zu Nutzen gemacht, um ihre Anliegen voran zu treiben. Hashtags retten direkt keine Leben, aber sie sorgen dafür, dass wir aufmerksamer durch die Welt gehen und Missstände als solche erkennen und bekämpfen. Menschen auf etwas aufmerksam zu machen und sie wachzurütteln, ist die Voraussetzung, um auf Dinge einzuwirken. Unsere Generation wird oft als unpolitisch beschrieben, dabei ist es Folgendes was wir besser als die Generationen vor uns verstanden haben: Komplexität. Es geht darum Probleme in ihrer Vielschichtigkeit zu betrachten, historische Verantwortung und Konsequenzen für die Umwelt und damit unsere Existenz, Mehrheitswille, Gendermainstreaming, und moralische Überlegungen und immer mehr Aspekte in den Meinungsbildungsprozess miteinzubeziehen. Doch Komplexität führt zu Ungewissheit, daraus ergibt sich ein Gefühl der Überforderung, das nur allzu verständlich ist und das man sich ruhig eingestehen darf und sollte.

Hat Wersig 1971 noch formuliert „Information ist die Verringerung von Ungewissheit“, so scheint heute die Überflutung mit (sogenannter) Information zu einer paradoxen Verringerung der Gewissheit führen zu können. Denn oftmals fällt es schwer, Information einzusortieren, zu fi ltern oder von Meinungen zu unterschieden. Wenn man unserer Generation vorwirft, sie würde sich nicht positionieren, dann muss man den sozialen Wandel bedenken. Der Ursprung dessen liegt eben in der digitalen Revolution: wir haben heute Zugang zu unterschiedlichsten Berichterstattungen, zu tausenden seriösen und weniger seriösen Medien aus allen Kulturen der Welt. Statt einem Leserbrief in der städtischen Tageszeitung, werden jeden Tag Millionen von Forenbeiträgen, Tweets und Blogposts veröffentlicht. Noch nie war es so leicht, seine Meinung zu veröffentlichen. Millionen denken mit. War früher aus einer Tageszeitung, zwei TV-Programmen und der Meinungen von Eltern, Lehrern und Freunden relativ leicht eine abgeschlossene Meinung zu formen, so ist die Fülle an Quellen und die damit verbundene Informationstiefe zu nahezu allem heute überwältigend. Trotzdem würde ich diese Entwicklung als positiv bewerten. Denn sie führt auch dazu, dass wir Dinge nicht schwarz-weiß sehen. Natürlich gibt es in jeder Generation auch jene, vermutlich eine Mehrheit, die das trotzdem tun, aber für die, die ernsthaft interessiert sind, ist es heute leichter alle Standpunkte kennen und verstehen zu lernen. Ich glaube, dass das der Grund ist, warum wir auch plausible Erklärungen kritisch hinterfragen, nicht immer aber oft. Und aus einer Vorsicht und einem erhöhten Einfühlungsvermögen heraus fällt es uns daher manchmal schwer, Dinge als „richtig“ oder „falsch“ einzuordnen. Wir sind heutzutage oftmals viel aufmerksamer und aufgeklärter als unsere Eltern im selben Alter. Natürlich hat das mit dem Internet zu tun, und damit, dass wir ganz andere Zugänge zu Themen haben, uns weiter und umfangreicher informieren können und uns stärker austauschen. Ich finde es wertvoll und wichtig, nicht stur auf seiner Meinung zu beharren, sondern sich auf andere Standpunkte einzulassen. Und zu denen gibt es heute viel leichteren Zugang.

Natürlich ist es wichtig, Stellung zu beziehen und auch mal standhaft zu bleiben, aber es ist schwieriger geworden. Denn ein konstruktiver Diskurs mit aufrichtigen Eingeständnissen und respektvoller Anerkennung ist der Schlüssel zu Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins. In unserer globalisierten und digitalisierten Welt gibt es aber noch ein Thema, das ich nicht außen vor lassen will. Schwierig vorstellbar und doch faszinierend, umstritten und umkämpft aber essentiell: Daten. Das 21. Jahrhundert wird als Beginn eines „Digitalen Zeitalters“ gesehen. Informationen wurden 2002 zum ersten Mal weltweit häufiger digital als im Analogformat gespeichert. Die fast vollständige Digitalisierung der weltweit gespeicherten Informationsmenge bringt natürlich neben Chancen auch Risiken. Daten werden gesammelt, gespeichert, übertragen und die Transparenz und damit einhergehende Überwachung aller weltweit ablaufenden Prozesse, jedes Einkaufs, jedes digitalen Austauschs, jedes Abrufen von Informationen ist überwachbar. Solche Vernetzung und eine solche Überwachung ist noch nie dagewesen in der Geschichte der Menschheit. Der „gläsernen Bürger“ ist die Kehrseite einer Medaille. Durch den Glanz der Medaille wird diese Kehrseite von den meisten einfach hingenommen. Kaum vermeidbar scheint aber die Gefährdung unserer Privatsphäre. Im Zuge der NSA-Affäre und folgenden Überwachungs- und Spionageskandalen wurden völkerrechtlichen Fragen aufgeworfen, die vermutlich sogar noch eine Überarbeitung der Menschenrechtskonventionen zur Folge haben werden. Das Thema, Macht durch Technik, Macht durch Daten, Macht durch Überwachung bietet nicht nur super Stoff für Actionfilme und Thriller, sondern wird in der Zukunft der Menschen eine riesige Rolle spielen – davon bin ich überzeugt. Es ist Zeit, sich auch für dieses Thema ein wenig zu sensibilisieren.

Coco

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Über Männer im Feminismus

Männer und Feminismus- ein Thema bei dem sich die Meinungen zunächst spalten. Die Einen sagen, es muss sein. Die Anderen halten beides auf keinen Fall für kompatibel. Es gibt genügend Feministinnen, die lieber unter sich bleiben wollen, wenn es um ihren Emanzipationskampf geht. Aber es gibt auch eine andersdenkende Mehrheit: Feministinnen, die sich für die Einbeziehung und die aktive Beteiligung von Männern aussprechen und auch finden, dass das für den Feminismus absolut notwendig ist. Diese Frauen haben meiner Meinung nach die besseren und logischeren Argumente. Zunächst einmal macht es für mich keinen Sinn für Gleichberechtigung zu kämpfen und schon beim Überlegen, wie man das genau anstellen soll, Männer auszugrenzen. Denn Frauen UND Männer bilden die Gesellschaft, die wir verändern bzw. verbessern wollen. Aber wie können Männer in die Praxis des Feminismus und des Kampfes für Gleichberechtigung integriert werden? Zuallererst sollten Männer wie Frauen ungezwungen ihren Standpunkt zum Thema Feminismus, einem frauendominierten Gebiet, vertreten dürfen. Fraglich ist auch, ob Mann oder Frau, beide Geschlechter kennen die Angst vor dem Outing als Feminist oder Feministin. Viele Menschen sagen heute, sie sind für Gleichberechtigung und Chancengleichheit, die meisten erkennen Selbstbestimmung für jeden an und haben die Nase gestrichen voll von dem massig präsenten Sexismus. Aber nur wenige dieser Menschen antworten auf die Frage, ob sie denn jetzt Feminist oder Feministin seien selbstverständlich mit „Ja klar!“. Einerseits verstehe ich es, dass jemand zwar eine bestimmte moralische, politische, religiöse Meinung vertritt, es aber generell ablehnt sich mit Hilfe von –istin und –ist als Vertreter dieser Meinung oder auch Strömung zu bezeichnen. Andererseits sollte man doch auch das Selbstbewusstsein haben, dem was man ist einen Namen zu geben. Die Bezeichnung Feminist_in ist so negativ konnotiert, dass das einer der Gründe zu sein scheint, weshalb Männer (aber natürlich auch Frauen) ein Problem haben, öffentlich Feminist_in zu sein. Feminismus kann für vieles stehen, es gibt sehr viele und auch sehr verschiedene Strömungen. Und selbst die engagiertesten, informiertesten Feministinnen können nicht alles wissen und kennen. Also gilt, wie so oft, auch beim „ersten Mal Feminismus“, dem ersten Bewusstwerden über die Bedeutung des Begriffs: Der erste Eindruck (meist inklusive einer Ladung Vorurteile) zählt! Die erste Begegnung mit dem Feminismus hinterlässt leider häufig einen falschen und unangenehmen Eindruck.

Wie soll man bitte als „männlicher“ Mann Interesse am Feminismus bekommen, wenn man dabei gleich eine optisch nicht dem Schönheitsideal entsprechende, „irgendwie lesbisch aussehende“ aka nicht als potenzielle Partnerin und wohl eher als Karrierekonkurrenz in Frage kommende oder gar aggressive Emanzen-Chefin vor Augen hat? Zwei grundlegende Probleme werden hierbei deutlich. Erstens wird Feminismus immer noch zu oft mit Lustfeindlichkeit assoziiert . Aber think deeper! Das Gefühl, dass man in der Schule oder auf Arbeit, von Freunden oder von Fremden, beim Fußball spielen oder Ballett tanzen nicht mehr wegen seines Geschlechtes anders bewertet und behandelt wird, wäre ein wirklicher Egobooster. Der Alltag überträgt sich immer früher oder später auf das eigene Privatleben. Und die logische Schlussfolgerung lautet also, mehr Selbstbewusstsein auch bei Beziehungen und beim Sex, mehr Ehrlichkeit und einfach weniger Druck. Wenn es darum geht sich dem Feminismus zu öffnen, ist die zweite große Hürde für Männer, dass auch sie den gesellschaftlichen, patriarchalen Idealvorstellungen und Stereotypen unterliegen. Sich mit Frauenkram zu beschäftigen, zu dem der Feminismus offensichtlich auch zählt, ist unmännlich, denn Männer müssen doch stark und unnachgiebig sein, Gefühle dürfen nicht gezeigt werden und außerdem sollten sie doch statt emanzipierte Frauenblogs und -bücher zu lesen eher ein bisschen was für den Bizeps tun und mit Kumpels ein Bierchen zischen. Aber hey! Nicht jeder Mann sieht den täglichen Fitnessstudiogang als sein Hobby, nicht jeder Mann möchte einen Haufen Geld verdienen müssen und nicht jeder Mann ist groß und dominant gegenüber Frauen. Die gesellschaftliche und soziale Rolle des Mannes wird sowohl vom Feminismus als auch der Männerforschung untersucht. Die Männerforschung beschäftigt sich besonders im Bereich von Gender-Studies parallel zur Frauenforschung kritisch mit dem Thema Männlichkeit. Viele Männerforscher bezeichnen sich als Profeministen, andere sehen in dieser Forschungsrichtung eine Möglichkeit der Kritik am Feminismus. Bei meiner Recherche habe ich allerdings überwiegend Profeministen gefunden und ich finde ihre Erwähnung ganz interessant, denn sie gehören zu den Männern in (leider noch) Unterzahl die verstanden haben, was Feministinnen eigentlich wollen. Arbeiten wie zum Beispiel die der australischen Transsexuellen Raewyn Connell zur hegemonialen Männlichkeit (soziale Dominanzposition von Männern, Unterordnung von Frauen) oder die Publikationen des deutschen Sozial- und Politikwissenschaftler Thomas Gesterkamp zur veränderten Rolle des Mannes in der Arbeitswelt und der

Gesellschaft bringen den Feminismus voran. Als einer der populärsten Männerforscher der Gegenwart ist hier auch der amerikanische Soziologieprofessor Michael Kimmel zu nennen. Ein Beispiel für Veröffentlichungen zur Männerforschung ist das Online Magazin XY Online, das wirklich lustig geschriebene und intelligente Kommentare und Artikel zu männlicher Sexualität, Männerbewegung, Männlichkeit und Feminismus enthält, in denen die Autoren zum Beispiel Vorurteile gegenüber Feministinnen kritisieren. Die Männerforschung unterstützt und fördert also die feministischen Erkenntnisse und Ziele. Umgekehrt hat die Frauenbewegung mit der Entschärfung von Rollenklischees auch eben die männlichen Rollenklischees beeinflusst. Und sie wird es weiter tun. Geschlechterübergreifender Feminismus ermöglicht die fortwährende Auflösung von Rollenbildern und löst das Geschlecht als Klassifizierungseinheit auf. So können wir ein besseres und faireres Leben für und von Mann und Frau erreichen. Und dafür brauchen wir Feministen! Man findet in der Geschichte beziehungsweise auch heute, öfter als man denkt und nicht nur in der Männerforschung, beispielhafte Feministen. Einer von ihnen war zum Beispiel der Brite John Stuart Mill, der im 19. Jahrhundert lebte und als Philosoph und Ökonom arbeitete. Was ihn aber für diese Zeit so besonders macht, sind seine feministischen Positionierungen. Er war der Ansicht, dass Unterscheidungen im Verhalten und Charakter von Mann und Frau nicht biologischen, sondern gesellschaftlichen und erzieherischen Ursprungs seien, und er sah eine gleichberechtigte Gesellschaft als vielseitig vorteilhaft an. Außerdem setzte Mill sich aktiv für das Frauenwahlrecht ein und forderte ein Scheidungsrecht. Ein weiteres Beispiel für aktive Teilnahme am mühsamen Kampf der Frauenbewegung findet sich sogar in meiner Familie, wie ich erst vor kurzem erfahren habe. Mein deutscher Urgroßvater lebte in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus als Schloßer in Leipzig. Er war Sozialdemokrat und ein Anhänger der Freikörperkultur sowie der Ideen des deutschen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf, der mit einem seiner Dramen eine kritische Diskussion über das damalige Abtreibungsverbot in Deutschland in Gang setzte. Mein Urgroßvater betrieb nebenberuflich in sozialdemokratischen Frauenzirkeln Sexualaufklärung. Auch ein Ziel des Feminismus damals wie heute: Frauen das Recht der Selbstbestimmung über ihr Leben und ihren Körper zu garantieren. Hoffnung auf männliche Feminismus-Beteiligung lässt sich auch dem letzten Jahr entnehmen. Emma Watson hielt am 20. September 2014 als frisch gebackene UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte am UN–Hauptsitz in New York eine flammende Rede über Gleichberechtigung. Seitdem wird sie besonders im Netz häufig zitiert und für ihren Einsatz und ihre tollen Worte regelrecht gehypt.

Ich schließe mich diesen den Lobgesängen gerne an und finde es wichtig auf die von Watson ins Leben gerufene Kampagne HeForShe aufmerksam zu machen. Ziel der Kampagne ist es, Männer am Feminismus zu beteiligen und somit am Kampf für Gleichberechtigung. Die Teilnehmer der Kampagne veröffentlichten auf sämtlichen Social-Media-Plattformen Bilder und Posts, alle mit dem #heforshe versehen, unter ihnen auch jede Menge männliche Promis beispielsweise Logan Lerman, Russel Crowe, Simon Pegg und zu meiner großen Freude auch meine Lieblinge Emile Hirsch und Joseph Gordon-Levitt. Gordon-Levitt sticht in puncto Feminismus allerdings mehr ins Auge als alle anderen männlichen Promis. Denn schon im Januar 2014, als er zu Gast bei ,,The Ellen Show” war, bezeichnete er sich, mit sympatischem, selbstbewussten Grinsen als einen Feministen, als Gegner von Sexismus und Befürworter von Gleichberechtigung. Er habe diese Einstellung durch seine Mutter, eine Feministin die ihren beiden Söhne u.a. die Verobjektisierung von Frauen vor Augen führte. Über den Youtube Kanal seiner Produktionsgesellschaft HitRecord stellte Gordon-Levitt im September letzten Jahres dann ein Video online, in dem er sich erneut als Feminist bezeichnete und die Zuschauer auff orderte selbst Stellung zu beziehen und zu begründen, ob sie Feminist_innen seien oder nicht und warum. Es bleibt natürlich immer die Frage, ob so tolle Aktionen wie von Joseph Gordon-Levitt und Emma Watson nicht im Endeffekt nach einem Hype wieder im Hintergrund verschwinden, aber helfen tun sie auf jeden Fall! Denn mit ihrem Engagement und ihrer lockeren, kraftvollen Ernsthaftigkeit sprechen diese Promis auch besonders die jungen Generationen an. Und genau das ist wichtig. Wir brauchen eine klügere und freiere Generation junger Frauen und Männer, die die Beziehungen zueinander und miteinander einfach gleichberechtigter gestalten . So beschreibt zum Beispiel auch eine amerikanische Autorin des Online Magazins Bustle ihre perfekte Beziehung mit einem modernen Mann und Feministen. Sie zählt konkret auf und lobt, welche Vorzüge das für ihr Beziehungsleben hat. Der ganze Artikel hat zwar nicht unbedingt höheres journalistisches Niveau, die Autorin Amanda Chatel nennt aber ein paar Eigenschaften ihres Freundes, die einen Feministen sehr gut beschreiben. Darunter zum Beispiel, dass er sich für Frauenrechte einsetze, sich über Fortschritte der Frauenbewegung freue und die typischen Rollenbilder für ihre Beziehung strikt ablehne. Er erziehe seine Tochter zu einer Feministin und respektiere die Selbstbestimmung seiner Frau. Und damit ist er, wage ich zu behaupten, nicht alleine. Ich bin überzeugt davon, dass sehr viele Männer sich in Zukunft mehr Zeit für die Erziehung ihrer Kinder nehmen wollen und werden, dass das Wort „Partner“ seiner Bedeutung endlich gerecht wird. Wie man sein Leben privat ordnet, verändert auch das eigene Leben in der Gesellschaft und letztendlich die Gesellschaft an sich. Und das ist doch unser Ziel. Also GO FEMINISTS, wir brauchen Euch !

Nina

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2014Über weiße Entwicklungshilfe und den westlichen Rassismus

Wir leben im multikulturellen Berlin, dem einzigen Bundesland mit linken und grünen Direktkandidaten, in dem es von Nazis raus!-Stickern und Refugees-Welcome-Sweatern nur so wimmelt, hier muss man den Leuten nichts von Schätzung der Vielfalt erzählen. Für die Zielgruppe dieses Kalenders, uns jungen und aufgeklärten Mädchen von heute scheint Rassismus, außer wenn wir Nazifilme gucken oder uns über Anne Frank und Sophie Scholl belesen, kein Thema mehr zu sein. Aber Rassismus ist vielseitiger, tiefer verankert als man denkt und teilweise auch noch sehr aktuell.

Ein gutes Beispiel sind die Plakate mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Ich habe sie genau im Kopf dieses Bilder von den armen, in Fetzten gekleideten afrikanischen Kindern die traurig zu uns aufsehen wenn wir in unseren Nike-Turnschuhen und ZARA Parkas auf die U-Bahn warten. Diese Werbungen arbeiten mit Stereotypen die bedient werden und eine Funktion haben. Mitleid. Und wenn wir dann unser Smartphones aus unseren Taschen holen um uns abzulenken dann schielen wir vielleicht doch nochmal hoch zu dem verhungernden Kind und überlegen ob wir nicht doch Paten werden sollten, einfach um das Gewissen ein bisschen zu erleichtern. Solche Bilder und Plakate sind mehrheitsfähig, das wissen auch ihre Macher. Was dabei für ein Bild von Afrika, Südamerika oder anderen sogenannten „dritte Welt Ländern“ entsteht ist vielen gar nicht so recht bewusst. Auffällig ist dabei die Kollektivität. Geprägt wir ein Weltbild dass ganze Bevölkerungsgruppen mit gewissen Eigenschaften verknüpft weil wir diese auch so präsentiert bekommen. Als ungebildet und unaufgeklärt naive Kinder die hilflos sind und keinen Hauch von Unabhängigkeit zeigen. Männer werden nur selten und wenn, dann gebrechlich dargestellt, meistens sind es schwer arbeitenden und leidende Frauen oder Kinder. Dunkelhäutige, die nicht selten nackt dargestellt werden, was suggeriert dass sie in einem anderen Jahrhundert stecken geblieben sind, Steinzeitmenschen-Assoziationen werden geweckt. Es erinnert fast ein bisschen an Kolonisation. Diese Bilder vom weißen Mann, der gebildete und rationale Arzt zum Beispiel, mit den unterprivilegierten, hilflosen und kranken Kindern im Arm. Er hat die Lösung parat. Der Slogan darüber: „ Sie haben es in der Hand, schenken sie Kindern eine Zukunft.“ („…denn alleine könnten sie sich nie eine aufbauen!“) Das finde ich, kann durchaus rassistisch sein. Denn definiert wird Rassismus als eine Ideologie, die „Rasse“ als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften deutet.Mich stört das, wie in solchen Werbungen, die westliche Welt, um es provokativ ausdrücken „die fähigeren und reiferen Weißen“ als überlegen den „dritte Welt Ländern“ gegenüberstellt werden, als ob diese für alles unserer Anleitung bedürfen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich mal die Begriffe „Erste“ oder „Dritte“ Welt kritisieren. Sie suggeriert dass Länder wie Mali oder Nepal zu „einer anderen Welt“ gehören und stecken diese gleichzeitig in eine gemeinsame Kiste, als wären diese Länder eine homogene Menge, dabei sind sie alle sehr unterschiedlich. Problematisch dabei ist auch, dieses Teilen in „wir“ als die westliche „Welt“ und die „Anderen“. Es fehlt uns an einer neuen Art von kultureller Sensibilität und Immunität gegen solche Stereotypen und Verallgemeinerungen.

Aber das betrifft uns noch direkter. Immer mehr junge Leute, vor allem Mädchen machen nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland oder spielen zumindest mit dem Gedanken. Auch ich habe das noch immer vor. Generell ist das ja auch keine schlechte Idee: Reisen und dabei Gutes tun. Eine attraktive Kombination die meist auch mit guten Absichten gewählt wird. Allerdings steckt dahinter häufig eine kommerzialisierte „Voluntourism“-Industrie. Viele Organisationen wie „ProjectsAbroad“ verlangen bis zu 3000 Euro pro Monat damit sich junge Leute in, beispielweise Waisenhäusern engagieren dürfen. Das Geld kommt häufig nicht bei den Communities an sondern geht an die Organisation die mit dem weltweiten Unglück Profit machen. Das ist nicht nur unethisch sondern auch bezüglich der Konsequenzen für betroffene Communities fraglich. Jene Kinder werden nicht nur in die Obhut ständig wechselnder, junger Menschen gegeben die häufig weder deren Sprache sprechen, noch die nötige Qualifikationen besitzen mit traumatisierten Kindern zu arbeiten, sie werden nicht selten aus ihren Familien gerissen. Dies ist zum Beispiel in Kambodscha der Fall wo um die 85% der Waisen in dortigen Weißenhäusern in Wirklichkeit Eltern haben die ihre Kinder oft aus finanziellen Gründen in Waisenhäuser schicken. Sie werden also misshandelt um sich mit westlichen Freiwilligen zu kuscheln oder sich lesen beibringen zu lassen. Selbst wenn es sich hierbei um echte Weisen handelt, die Hilfe brauchen, sind einjährige Freiwilligendienste eine Form der Entwicklungshilfe die eigentlich zu einer dysfunktionalen Abhängigkeit führt. Natürlich: Die gesamte Entwicklungshilfeindustie lebt von dieser Differenz von weniger entwickelten und entwickelteren Staaten die sie medial reproduziert um ihr Eigeninteresse zu sichern. Aber dieses Eigeninteresse sollte bei diesen Organisationen nicht der eigene Profit sein sondern der Wille die Welt ein Stückchen besser zu machen. So wie bei sogenannten Non-Profit-Organisationen (NPOs) die keine wirtschaftlichen Gewinnziele, sondern nur gemeinnützige, soziale, kulturelle oder wissenschaftliche Zielen ihrer Mitglieder verfolgen bzw. verfolgen sollten ohne ein Land oder eine Gruppe von Betroffenen von sich abhängig zu machen. Dieses Prinzip der Entwicklungshilfe nennt sich Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei geht es darum Arbeitsplätze zu schaffen, Wüstengebiete nutzbar zu machen, die Infrastruktur zu verbessern und einheimische Industrien zu fördern. Dadurch sollen Menschen in die Lage versetzt werden, sich selbst ein qualitativ besseres Leben aufzubauen. Zweifellos ist es keine Lösung notleidende Menschen allein zu lassen aber der Ansatz muss ein Anderer sein. Humanitäre Katastrophenhilfe ist natürlich etwas ganz anderes, wir unterstützen ja jedes Land in Krisen, das ist auch gut so aber es ist keine dauerhafte Lösung, alte Klamotten nach Afrika zu schicken oder unsere jungen Leute, um die Kinder dort zu erziehen.

Es gibt auf dieser Welt keine Völker die weniger intelligent oder fähiger sind sich ihre Existenz zu sichern, ihre Ausgangssituationen sind nur schwieriger, was – nur so nebenbei – nicht wenig mit der westlich kapitalistischen Ausbeuterwirtschaft zu tun, bei der wir Deutschen mit an der Spitze sind. Dieser rassistisch Ansatz in der Entwicklungshilfe, wie man ihn auf Werbeplakaten erkennt, muss verschwinden genauso wie die Fotos weißer Wohltäter, die sich mit lachenden, schwarzen Kindern ablichten lassen um sich auf Facebook als Helden zu inszenieren.

Nicht nur in der Entwicklungshilfe sondern auch im Alltag müssen wir noch an unserer kulturellen Sensibilität und Akzeptanz anderer Sitten und Herangehensweisen arbeiten. Wir müssen versuchen generell von diesem Toleranzbegriff weg zu kommen, der allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen und Handlungsweisen ist. Die Zukunft braucht für mich, ein aufrichtigeres und tiefes, kulturelles Verständnis denn in Zeiten der Globalisierung, in der Kulturen vermischt werden und Religionskriege verhindert werden müssen brauchen wir den Zusammenhalt aller Länder und Kulturen.

Um mit John Lennons Worten abszuschließen: „You, you may say / I’m a dreamer, but I’m not the only one / I hope some day you’ll join us / And the world will live as one”

Coco

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Über Nachhaltigkeit im Alltag

Neulich habe ich im Magazin des Zertifikatsstudiums für Nachhaltigkeit und Journalismus gelesen: „Rotkäppchen und viele andere Märchenfiguren oder Fabelwesen hätten ohne Wald kein Zuhause. Der Wald ist Inspirationsquelle für viele Künstler und untrennbar mit unserer Kultur verbunden.“. Warum Nachhaltigkeit wahrscheinlich zu den wichtigsten Themen unserer Welt gehört und was es bedeutet „Nachhaltig“ zu leben, versuche ich im folgenden Essay zu klären.

Nachhaltigkeit gilt seit vielen Jahren als Leitbild für eine zukunftsfähige Entwicklung der Menschheit. Gemeint ist damit auch die gerechte Verteilung der Ressourcen und Möglichkeiten für alle Menschen unserer Erde.

Schon 1713, also vor 300 Jahren beschrieb Carl von Carlowitz (1645–1714) in seinem Buch „Silvicultura oeconomica“ das Prinzip der Nachhaltigkeit. Darin forderte er dazu auf, respektvoll mit den Ressourcen des Waldes umzugehen.
Durch den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt wird unsere Umwelt stark bedroht und die Lebensgrundlage für zukünftige Generationen läuft Gefahr, zerstört zu werden. Auch heutzutage sind die Lebensgrundlagen weltweit ungerecht verteilt. Die Zahl der Hungernden liegt ca. bei 800 Millionen Menschen. Davon leben über 500 Millionen Menschen in Asien. Im Jahr 2050 sollen laut Angaben des Word Food Programms weitere 24 Millionen Kinder in Armut leben. Hinzukommt dass ca. eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.
Wie gerecht ist es, dass wir in einem friedlichen Land leben, gleichzeitig so viele Ressourcen verbrauchen und unsere mangelnde Nachhaltigkeit von zukünftigen Generationen ausgebadet werden muss? Spätestens jetzt müssen wir anfangen, nachhaltiger zu Handeln. Bereits durch kleine Veränderungen im Verhalten kann man viel bewirken.

Jeder sollte dazu beitragen, dass der extreme Wasserverbrauch zurückgeht. Durchschnittlich verbraucht jeder Einwohner Deutschlands 127 Liter Wasser am Tag. Man muss sich bewusst machen, dass man davon ca. nur 3 Liter trinkt. Das meiste wird für die Toilette das Duschen oder Baden verwendet. Wenn es um Wasserverbrauch geht muss an dieser Massentierhaltung erwähnt werden. Bei der Herstellung für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt man 15.500 Liter Wasser, dies entspricht 81 Badewannen. Wir sollten unseren Fleischkonsum radikal einschränken und überdenken, dann ist gegen das eine oder andere Entspannungsbad nichts einzuwenden..

Die 127 Liter Wasser pro Tag sind noch nicht alles. Wir verbrauchen zusätzlich noch Unmengen an „virtuellem Wasser“, welches bei der Herstellung von unseren Lebensmitteln, unserer Kleidung oder weiteren Produkten, die wir täglich benötigen, anfallen. Allein für eine Tasse Kaffee wird in der Produktion ca. 140 Liter Wasser verwendet. Ein weiterer Punkt, wo auch wir rücksichtsvoller mit umgehen könnten, ist Papier. Schon die Produktion eines einzigen DIN-A4-Blattes erfordert zehn Liter Wasser.

Um den Verbrauch von wertvollen Ressourcen bei der Obst und Gemüse Herstellung einzuschränken, sollten wir unbedingt darauf achten, mehr regionale und der Jahreszeit entsprechenden Ware zu kaufen. Die Gründe dafür sind, dass kürzere Anfahrtswege erforderlich sind und so weniger Energie und Rohstoffe verbraucht werden. Der Zweite Punkt ist das beispielsweise bei Erdbeerpflanzen ein hoher Wasserbedarf vorprogrammiert ist und diese im Winter meistens aus dem trockenen Süden Spaniens zu uns nach Deutschland geliefert werden. Dadurch, dass es in Spanien so heiß ist, ist eine intensive Bewässerung erforderlich. Wir sollten den Wassermangel in sowieso schon trockenen Gebieten nicht noch weiter verschärfen.

Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, dürfen wir „Fair Trade“ auf keinen Fall vergessen. Damit sind der Faire Handel von Produkten, die ohne Zwangs- und Kinderarbeit aus Entwicklungsländern entstehen und die Bekämpfung von Armut gemeint. Dieses Modell hat die Amerikanerin Edna Ruth Byler ins Leben gerufen. Bauern in Afrika, Lateinamerika und Asien erhalten durch Fair Trade die Chance, ihren Lebensstandard und ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern und ihre Familie und ihr Dorf aus eigener Kraft zu versorgen. Dies gelingt ihnen durch feste Preise und langfristige Handelsbeziehungen. Wir sollten beim nächsten Einkauf also darauf achten, überwiegend die Produkte in den Einkaufswagen zu packen, die von einem der vier Deutschen Handelsorganisationen GEPA, Banafair, El Puente oder DWP einen Fair Trade Siegel tragen. Auch mir fällt das nicht unbedingt leicht aber ich bin der Überzeugung, dass wir es schaffen könnten uns immer mehr umzustellen und größtenteils Fair Trade Produkte zu kaufen.

Was können wir realistisch verändern, damit die Fläche des Regenwaldes nicht pro Minute um 35 große Fußballfelder sinkt?

Generell unseren Papierverbrauch in Zaum halten. Wir sollten immer zu Recycling Papier greifen, dadurch sparen wir 60 Prozent Wasser und Energie. Des Weiteren wird kein neues Holz benötigt und es ist in großen Mengen billiger als Frischfaserpapier. Wir erkennen recyceltes Papier am Umweltzeichen, dem „Blauen Engel“.

Weniger Fleisch essen. Und wenn aus regionaler Herkunft oder BIO. Für den Versuch euch zu überzeugen hier ein Beispiel: In Brasilien ist das Land billig, dadurch gibt es unglaublich viele Rinderfarmen. Aus diesem Grund ist es schon seit 2005 der größte Exporteur von Rindfleisch weltweit. Doch irgendwoher muss der Platz für das Weideland kommen. Das heißt, mindestens 65 Prozent der neu gerodeten Flächen werden für Tierweiden genutzt. Die Rinderzucht trägt zusätzlich noch einen großen Teil zum weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen und somit zur Klimaveränderung bei, dadurch dass die Rinder durch ihre Verdauungsvorgänge als Wiederkäuer viel Methan freisetzten. Der Regenwald ist aber die „Lunge unserer Erde“, ohne sie können wir nicht existieren, wir müssen also wahnsinnig darauf aufpassen.

Unseren Verbrauch von Erdöl-Produkten minimieren. Dazu gehört unter anderem auch Plastik. Statt zu Plastiktüten zu greifen, sollten wir uns angewöhnen immer ein Stoffbeutel dabei zu haben. Plastiktüten brauchen 400 Jahre um zu verrotten und durch Plastik werden viele Tiere im Meer vergiftet oder Abwasserkanäle überschwemmt. Bei Einkäufen darauf achten eher Mehrweg- als Einwegverpackungen zu kaufen. Da bei der Herstellung weniger Kohlenstoffdioxid freigesetzt wird und sie dadurch etwas Umwelt und Klimabewusster sind. Ein Aspekt den wir uns als Teenager dieser Generation wahrscheinlich zu Herzen nehmen sollten: Alte Handys erst dann durch neue ersetzen, wenn sie nicht mehr funktionieren statt jedes Jahr das neuste Smart-Phone zu besitzen.

Ein einfacher Punkt, mit dem wir viel erreichen können ist: Konsequenter Abfälle trennen und ihn in allen Bereichen reduzieren. Besonders Lebensmittel sollten wir gezielter einkaufen, denn nach einer aktuellen Studie der Universität Stuttgart werden hochgerechnet auf das ganze Land 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Hört man so eine gewaltige Zahl, muss man sich schon einmal überlegen ob man nicht doch hin und wieder unüberlegt Lebensmittel in die Tonne wirft die noch essbar wären.

Wir müssen Verantwortung für unser Handeln und unsere Umwelt übernehmen .Sicher verändern wir nicht die Welt im Großen, aber vielleicht jeden Tag aufs Neue im Kleinen? Nicht dass wir jetzt von einem Tag auf den anderen zu den vorbildlichsten Menschen auf Erden werden, aber wir sollten unser Verhalten in Bezug auf Nachhaltigkeit im Alltag, alle noch einmal kräftig überdenken und es in vielen Bereichen versuchen zu verbessern.

Als letztes möchte ich euch auf einen Test aufmerksam machen, bei dem ihr noch einmal ganz genau sehen könnt, wann und wo eure Stolpersteine in Bezug auf Nachhaltigkeit im Alltag liegen. hwww.footprint-deutschland.de/inhalt/berechne-deinen-fussabdruck

Luisa

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Über Freundschaft

Es gibt wenige so alte und so oft diskutierte und auseinandergenommene Themen wie Freundschaft. Definitionen, Listen, wie man eine gute_r Freund_in wird, Sprüche und Zitate – von „Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern“ von Aristoteles bis „Bro before Hoe“ – häufen sich. Der Begriff Freundschaft ist allgegenwärtig und war nie zuvor so dehnbar. Nicht erst seit Facebook kommen wir täglich mit ihm in Berührung. Junge, schicke Frauen gehen zusammen durch dick und dünn und feiern ihre Abende mit viel Sekt. Guten Freunden sollen wir ein Küsschen geben, sogar die neue Media-Markt Werbung zeigt uns eine dreier Gruppe, die ihre Freundschaft allem Anschein nach nur mit neuen Waschmaschinen und damit, dass sie alle leicht bescheuert sind, aufrechterhalten. Ständig erfahren wir, dass Freundschaft leicht und unangestregt ist, dass alles, was wir dazu brauchen Einfühlungsvermögen und etwas, was uns verbindet ist. Egal was, der Like-Button, Sekt, Waschmaschinen oder tolle Haut.

Was wir vielleicht nicht merken ist, dass uns diese Freundschaftsbilder die uns von den Medien präsentiert werden, nicht nur inspirieren oder uns unsere Freundschaften wertschätzen lassen, sondern dass sich in unserem Unterbewusstsein langsam aber beständig ein Freundschaftsbild gebildet hat, dessen Anforderungen wir nicht entsprechen können. „Keine Freundschaft kongruiert völlig mit der Idee der Freundschaft“, sagte der große deutsche Philosoph Immanuel Kant vor fast zweihundertfünfzig Jahren und trifft damit genau unser Problem, was wir heute haben. Auf den Freundschaften unserer Generation liegt ein Druck, der sich aus unserem leichtfertigen Umgang mit ihnen und den gleichzeitig wachsenden Anforderungen zusammensetzt. 

Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich vor kurzem mitbekommen habe. Zwei Frauen unterhielten sich, die eine schilderte der anderen eine Situation von drei Mädchen. Sie sagte, Paula hätte Clara nicht erzählt, dass sich Paula erst wieder auf festere Freundschaft mit Rosa konzentrieren wolle. Das wäre allerdings ziemlich gemein von ihr, denn dann hätte Clara gar nicht in die Freundschaft mit Paula investieren müssen. Und da stand dieser Begriff vor mir und ich hasste ihn aber ich wurde ihn nicht wieder los. Ich war mir sicher, dass investieren das falscheste Wort war, was ich im Zusammenhang mit Freundschaft benutzen wollte. Selbst das nüchterne Wikipedia hat eine Definition parat, mit der ich mehr übereinstimmte, Wikipedia schreibt von einem: „…auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander…“ und bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich ohne zu zögern gesagt, dass ich das den springenden Punkt finde, dass ich vielleicht noch etwas von nicht vorhandenen Verpflichtungen hinzugefügt hätte, denn ich war mir sicher – „gegenseitige Zuneigung“, da kommt doch alles von allein. 

Denn das ist es eben was die Medien suggerieren.Was uns aber nicht gezeigt wird, sind die Momente, wenn mal nicht alles so läuft, wie es laufen sollte. Essentielle Dinge wie Empathie und ehrliches Verständnis, das Erkennen der Bedürfnisse des/der anderen, werden außen vor gelassen. Das schöne und leichte Bild der Freundschaft hat sich in unseren Köpfen festgesetzt und wir haben angefangen, es zu übernehmen, gleichzeitig erwarten wir volle Hingabe und schnelle, effektive Hilfe, wenn es uns schlecht geht. 

Die fehlenden Empathie, die Unfähigkeit mit dem Konflikt umzugehen lässt Freundschaften zerbrechen. Vielleicht war das der Punkt, der die Mädchen auf der Straße den Begriff „investieren“ sagen ließ. Eine unbestimmte Verzweiflung, das Gefühl, dass die Freundschaft nur mit Hingabe zu erhalten ist. Und nachdem ich darüber nachgedacht hatte, fand ich den Begriff nicht mehr so abwegig. 

Ein weiterer Punkt ist außerdem der Moment, wenn uns Freundschaften auf die Nerven gehen. Dass so etwas passiert kommt uns oft abwegig vor, passiert aber häufiger, als wir denken. Laut einem „Spektrum“-Artikel vom April 2013 fanden Forscher heraus, dass ganz banale räumliche Nähe einer der häufigsten Grundsteine für Freundschaften ist. Je öfter wir jemanden sehen, desto sympathischer wird er uns, es ist eine logische Konsequenz, dass es auch viel schneller dazu kommt, dass man sich nervt. Leider hört es dann bei vielen auf. Räumliche Nähe schafft Freundschaft und ist gleichzeitig fähig, sie zu zerstören und das führt unweigerlich zurück zur Empathie. Es ist nicht falsch, Ansprüche an Freund_innen zu stellen. Eine gute Freundschaft lebt natürlich vom Geben, allerdings genau so wie vom Nehmen, ohne dabei Aufzurechnen, müssen wir lernen uns selbst zu reflektieren. Um Freundschaften zu führen, braucht es eine gewisse Menge an Selbstkenntnis. Die Freundin oder der Freund zu sein, die/den man selbst haben möchte, kann kompliziert und anstrengend sein aber es gehört unweigerlich dazu. Ich finde, genau so, wie es die Mädchen auf der Straße vielleicht meinten, sollte man Freundschaften sehr ernst nehmen, ohne Angst vor Konflikten, ohne abzuschalten, wenn es kompliziert wird. So, wie Goethe es gesagt haben soll: „Ohne Aufopferung lässt sich keine Freundschaft denken.“ Es ist Möglich, eine Balance zu halten und Freundschaften trotzdem nach wie vor als eins der schönsten und wichtigsten Dinge der Welt zu sehen. Denn, und das letzte Zitat gehört Voltaire: „Alle Schätze dieser Erde wiegen einen guten Freund nicht auf.“

Marthe

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Über das deutsche Schulsystem

Ständig reden wir Deutschen, über den stark präsenten Leistungsdruck in der Schule. Über den Berg an Unterrichtsstoff, der unbezwingbar erscheint . Wir streiten über die schlechten Lehrer, die sich seit Jahren auf ihrem Beamtenstatus ausruhen und ihre, genauso wie unsere, Zeit zu verschwenden scheinen. Wir reden über die Lehrer, die aller paar Wochen streikend vor unseren Schultoren stehen und gegen die ungerechte Behandlung durch verbeamtete Kollegen und den unfairen Lohn protestieren. Wir diskutieren, ob wir für G8 oder G9 sind, wobei wir uns leider im Kreis zu drehen scheinen, da es kaum gute oder berechtigte Gründe für G8 zu geben scheint. Wir schreiben große schockierende Schlagzeilen darüber, dass schon im Grundschulalter Anzeichen für Burnout oder Depressionen diagnostiziert werden. Und wir kritisieren die Chancen-Ungleichheit, da es Kinder aus Arbeiter- oder Migranten-Familien schwerer zu haben scheinen, weil ihnen oft vorausgesetztes Wissen fehlt und Zuhause, nicht auf dem gleichen Niveau, wie in Akademiker-Familien, bei Hausaufgaben oder beim Lernen, geholfen werden kann. 

Wir reden, streiten, diskutieren, schreiben und diskutieren also. Irgendwie sind wir uns schon bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Ab und zu gibt es mal kleine unscheinbare Schulreformen, bei denen man dann offiziell festlegt, dass es nicht mehr „Erdkunde“ sondern „Geographie“ heißt. Aber etwas Grundlegendes scheint sich nicht zu ändern. Dabei gibt es unglaublich viel zu tun!

Grundlegend ändern sollte man vor allem, das es hauptsächliches Ziel einer Schule wird, die Sozialkompetenzen der Schüler zu fördern. Dies wäre über die Einbindung von Projekten, Sozialstunden, Praktika, selbst gewählte Herausforderungen oder sogenannten Abenteuerjahren, nach Hartmut von Hentigs Idee, möglich. Auf diese Weise würde auf Nachhaltigkeit gelehrt werden und als Schüler, würde man Fächerübergreifende Zusammenhänge besser verstehen und länger behalten. Momentan ist es nämlich der Fall, dass man als Schüler nach nur kurzer Zeit wichtige Inhalte wieder vergessen hat, weil sie nicht effektiv und eindrucksvoll genug vermittelt wurden.

Ein weiteres Defizit des Schulsystems, das es unbedingt auszugleichen gilt, ist, dass dieses System nach Fehlern und Schwächen zu suchen und diese absichtlich bestrafen zu scheint. Das beginnt schon mit der Drohung, dass wenn man etwas nicht kann, es dafür die entsprechende Note gibt, was absolute Missbilligung und böse Blicke, wie auch Drohungen, es nicht schaffen zu können, mit sich bringt. Dabei wird komplett vergessen, was einem sonst überall erzählt wird. Nämlich, das jeder andere Stärken hat und das das auch gut so ist. Die Schule sollte seine Schüler bei der Suche nach dem individuellen Talent unterstützen und fördern. Meiner Meinung nach, ist dieses Defizit der Grund, weshalb so wahnsinnig viele Jugendliche nicht einmal ansatzweise eine Idee haben, was sie nach der Schule konkretes machen wollen. Es scheint auch wenig Sinn zu machen, die Leistungen eines Schülers mit Noten zwischen eins und sechs zu bewerten, zwischen denen es keinen Spielraum gibt und die unmöglich objektiv vergeben werden können. Gerade in den sogenannten Talentfächern Musik, Kunst und Sport macht dieses Konzept absolut keinen Sinn.

Das Problem ist, dass alle die die Erkenntnis hatten, dass es so nicht weitergehen kann, meist schon zu sehr im System drin sind, um etwas ändern zu können. Sie kennen sich zu gut aus, mit dem einengenden Schulgesetz und jeglicher Mut zur Rebellion ist von den viel zu alten und langweiligen Leuten, die in unserem Bildungssystem in Führungspositionen tätig sind, eingedämmt wurden. Wenn man sich diese Leute nämlich anguckt, erscheint es schlüssig, dass es nicht gut steht, um unsere Schüler.

Ich denke, dass man statt in teure und unnötige Flughäfen, Stadtschlösser oder die Verwaltung der Kirche, in ein Gremium aus ausgewählten Experten und erfahreneren Leuten investieren sollte, die sich auf der Welt nach guten Systemen und Konzepten umsehen und den aktuellen Lehrplan auf den Prüfstand stellen und erneuern. Muss man wirklich 12 Jahre lang in die Schule gehen? Worauf sollten Schwerpunkte gelegt werden? Wie viel Allgemeinwissen vermittelt die Schule wirklich? All das sollte man sich fragen. Aber dafür müssen wir, als Betroffene, erst einmal aufstehen und eine grundlegende Veränderung fordern! Denn es gibt wahrscheinlich kaum etwas Grundlegenderes als Bildung. Wenn wir also ein gutes Bildungssystem hätten, würde wahrscheinliches alles andere auch halbwegs gut funktionieren in unserer Gesellschaft. Demnach würde sich eine Reform für alle anderen Bereiche lohnen. Wer das verstanden hat, sollte aufstehen und versuchen, durch das leise, zu leise Gewisper der Unzufriedenheit zu kommen und laut sagen, was falsch läuft. Gerade wir als Schüler, auch wenn es schwer fällt oder unmöglich erscheint. Aber wenn jemand etwas sagen darf zu diesem Thema, dann ja wohl wir!

Judith

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